Evelyn Hödl

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05. Sep 2019

Vom Welt-Erschöpfungstag zur Schöpfungszeit

von Hödl Evelyn am 05. September 2019, 09:52 Uhr

Wachsender Widerstand gegen die Zerstörung der Mitwelt

Der Welt-Erschöpfungstag 2019 - also der Tag, an dem die weltweiten Ressourcen für das laufende Jahr verbraucht waren - war heuer der 29. Juli. Vor wenigen Jahren fiel dieser Tag noch in den September, dann in den August: Bedrückende Tendenz: Die Zerstörung, Verschwendung, Vergeudung von Rohstoffen, Land, Wasser und Atmosphäre unseres Planeten beschleunigt sich in rasantem Ausmaß. Artensterben, Plastikozeane, Brandrodung lebenswichtiger Urwälder, Bodenversiegelung bedrohen unseren Planeten, unsere Zukunft, uns selbst.

 

Weltweit stehen junge - und nicht mehr so junge -  Menschen, KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, RepräsentantInnen der Kirchen und Religionsgemeinschaften, ... dagegen auf und fordern rasches Handeln und Maßnahmen gegen Ressourcenvergeudung und Klimaerwärmung.

 

Österreichische Verirrungen

Aber immer noch beschwichtigen PolitikerInnen, verharren Unternehmen mit obsoleten Argumenten im  einfallslose "Weiter so". Wirtschaftswachstum und sichere Arbeitsplätze haben Vorrang vor einer enkeltauglichen Verkehrs-, Energie- und Klimapolitik.

Österreich zeichnet sich derzeit durch eine besondere Erkenntnisresistenz aus.

Beispiele gefällig:

  • Zweifelhafte ASFINAG-Studien, die beweisen sollen, dass der verkehrsbedingte CO2-Ausstoß bei Tempo 140 nicht signifikant höher ist als bei Tempo 130.
  • Die Selbstdarstellung des Flughafens Wien Schwechat als CO2-neutral. Als ob Flughäfen mit dem Flugverkehr nichts zu tun hätten, als wären nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt worden,  den Bundesverwaltungsbescheid über den Bau der Dritten Piste zu kippen.
  • Klimaschädliche Förderungen bis zu 4,7 Mrd Euro[1]. Das reicht vom Dieselprivileg über die Steuerbefreiung von Kerosin und fossile Energie bis zur Subventionierung privater Dienstwagennutzung und Schneekanonen.
  • Ungenügende Klimapolitik: 2017 hat Österreich erstmals die nationalen Klimavorgaben verfehlt. Der Treibhausgasausstoß stieg im Vergleich zum Vorjahr um 3,3 Prozent. WissenschafterInnen des Grazer Wegener Center gehen davon aus, dass auch 2018, 2019 und 2020 die Klimaziele nicht erreicht werden. Das Umweltministerium sowie das Umweltbundesamt schätzen, dass für die gesamte Periode zwischen 2021 und 2030 – je nach CO2-Preis – Kosten in der Höhe von 1,3 bis zu 6,6 Milliarden Euro für den Ankauf von Emissionszertifikaten anfallen könnten. Dabei wurde von Preisen zwischen 20 und 100 Euro je Tonne CO2 ausgegangen.
  • Realitätsferne Ideen wie das "Leuchtturmprojekt" Wasserstoff[2] lassen an Fachkompetenz und Ernsthaftigkeit der österreichischen Klimapolitik zweifeln.

Nicht nur der/die Einzelne ist verantwortlich

Allein mit Appellen an Klimabewusstsein und Verantwortung des/der Einzelnen ist es nicht getan. Zweifellos kann jede und jeder durch Änderung des Konsumverhaltens den eigenen ökologischen Fußabdruck verringern. In Initiativgruppen, Umweltorganisationen, (Pfarr-)Gemeinden ist Vernetzung, Information, gegenseitige Ermutigung und Entwicklung kreativer Ideen gegeben.

 

Und es ist wichtig, nicht in den Kreislauf  von Resignation - Ablehnung - Selbstlob und Schuldzuweisungen zu geraten und untaugliche Rechtfertigungen vorzuschieben:  Was kann ich denn schon tun? Ich bin ja eh so umweltbewusst; ich trenne Müll und fahre ab und zu mit dem Rad. Die anderen: die AutofahrerInnen, die VielfliegerInnen, die FleischkonsumentInnen,... (Liste beliebig erweiterbar) leben viel umweltschädlicher.

Aber veganes Essen, Elektrofahrrad, Photovoltaik und ökologisches Bauen werden nicht ausreichen.

 

Systemwandel statt Klimawandel

Wir brauchen einen sofortigen, grundlegenden Umbau unseres Wirtschaftssystems und unseres Lebensstils. Und dies erfordert ein Umdenken in Wirtschafts-, Energie- und Steuerpolitik. Diese muss die Rahmenbedingungen schaffen, die  jedem und jeder Einzelnen ermöglicht, energie- und ressourcensparend und klimaschonend zu leben, die aber auch urbane und ländliche Lelbensräume nachhaltig und lebenswert umgestaltet. Die Fridays-for-Future-Bewegung und ihre wachsende Zahl von UnterstützerInnen macht die Dringlichkeit einer neuen Politik klar, falls jemand es nach Gletschersterben, "Jahrhundertüberflutungen und -hitzewellen", nach brennenden tropischen Urwäldern und Smogalarm in den Megastädten immer noch nicht begriffen hätte.

 

Schöpfungszeit, Klimavolksbegehren und Nationalratswahl

Den Kirchen gilt die Zeit vom 1. September bis zum 4. Oktober als "Schöpfungszeit". In diesen Wochen werden Christinnen und Christen ganz besonders an ihre Verantwortung für ihre Mitwelt, die Erde, die Pflanzen und Tiere und ihre Mitmenschen, erinnert.

Schöpfungzeit kann aber auch als Zeit für schöpferische Ideen zur Erneuerung von Lelbensstil, Konsumgewohnheiten, Alltagsgestaltung und Engagement sein.

Anregungen und Hilfestellungen dazu gibt das Umweltbüro der Katholischen Aktion: www.umwelt-edw.at.

 

Die Katholische Aktion fordert eine wirksame Klimapolitik. Sie spricht sich klar für eine CO2-Steuer aus und unterstützt das in der Vorwoche angelaufene Klimavolksbegehren. Dieses fordert die Verankerung des Klimaschutzes in der Verfassung, ein verbindliches und transparentes CO2-Gesetz, eine grundlegende öko-soziale Steuer- und Abgabenreform einschliesslich der sozialen Absicherung durch einen Klimabonus und die grundlegende Veränderung der Verkehrspolitik in Richtung Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Weitere Informationen dazu auf https://klimavolksbegehren.at/

 

Das Volksbegehren und die kommenden Nationalratswahlen bieten den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes die Chance, für einen effektiven Wandel in der Politik und damit auch in Wirtschaft und Gesellschaft einzutreten und jenen politischen VertreterInnen ihre Stimme zu geben, die für eine solche Politik stehen. Klimaschutz und Schöpfungsverantwortung gehen jedoch über die nationalen und europäischen Grenzen hinaus.

 

Weltweite Verantwortung

Weihbischof Stephan betonte Turnovszky anlässlich einer Pressekonferenz [3]zum Start des Klimavolksbegehrens die Sorge der Kirche für die Ärmsten und Schwächsten, die am meisten vom Klimawandel betroffen und am wenigsten in der Lage sind, sich zu schützen. Diejenigen, die in überdurchschnittlichem Wohlstand lebten, seien aufgefordert, in umweltverträgliche Technologien zu investieren, eine Wirtschaftsordnung der Kostenwahrheit zu etablieren und auch selbst Einschränkung und Verzicht zu üben. Und er wies auf die zunehmende weltweite Bedeutung von Schöpfungsverantwortung und Vernetzung mit Initiativen wie "Fridays-for-Future" und dem Klimavolksbegehren hin.

"Wir sind Teil einer wachsenden globalen Bewegung, die die Überfälligkeit und Dringlichkeit einschneidender Maßnahmen zum Schutz des 'gemeinsamen Hauses' Erde durch Politik, Wirtschaft und alle Institutionen der Gesellschaft einmahnt."

 

[1]     lt. WIFO, zit. in Salzburger Nachrichten, 4.9.2019

[2]     Die österreichische Klima- und Energiestrategie: https://mission2030.info/wp-content/uploads/2018/10/Klima-Energiestrategie.

[3]     KAÖ Pressemitteilung 27. 8. 2019

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