Traude Novy

24. Apr 2019

Die wackelige zweite Säule

von Traude Novy am 24. April 2019, 10:49 Uhr

Dieser Tage bekommen all jene, die betrieblich für die Pension vorsorgen  und auch jene Personen, die Anspruch auf eine Abfertigung neu haben, die Information, dass diese Ansprüche im letzten Jahr geringer geworden sind.

Die Versprechungen der Regierung bei der Einführung dieser Systeme klangen ganz anders, sie versprachen phänomenale jährliche Zuwächse. Ganz zu schweigen von jenen nun schon ziemlich betagten Personen, deren betriebliche Altersvorsorge vor ca. 20 Jahren in eine private Pensionskasse transferiert wurde – die haben im letzten Jahr einen Verlust von bis zu 13% zu verkraften. Insgesamt beziehen diese Pensionistinnen und Pensionisten nur mehr ca. die Hälfte der ihnen ursprünglich zugesagten Firmenpension.

 

Viele werden sagen – das trifft keine Armen – stimmt schon, aber es ist ein deutlicher Beweis dafür, dass die Stärkung der privaten Pensionskassen, wie sie sogar vom sozialistischen Seniorensprecher gefordert wird, mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. Seit Jahrzehnten wird das bewährte Umlagesystem madig gemacht. Aber mehr privat – weniger Staat heißt in diesem Zusammenhang nichts anderes, als dass die Altersvorsorge auf drei Säulen aufgeteilt werden soll. Die erste Säule ist die öffentliche Pensionsversicherung im Umlagesystem und die Säule zwei und drei werden als private Vorsorge dem Spiel der Börse überlassen.

 

Stephan Schulmeister bezeichnet den Kapitalmarkt, wie er sich derzeit darstellt, als manisch depressives System. Ich habe in meinem privaten „Archiv“ dafür einen schlagenden Beweis gefunden. Aus reinem Spaß – mit dem Gedanken, es einmal für eine Kabarett-Nummer zu verwenden - habe ich die Börsenachrichten des Standards im Jahr 2012 eine Zeit lang täglich gesammelt.

Hier eine Auswahl der Überschriften dieser Artikel:

27.3. An den Börsen herrscht Zuversicht und gute Laune

28.3. Börsen total stark unter Druck

29.3. Börsen in USA und Europa geben nach

31.3. Börsen gehen gut gelaunt ins Wochenende

3.4. Nach schwachem Start holten die Börsen auf

4.4. Nach dem Höhenflug die Verschnaufpause

11.4. Zuwächse nach einigen schwachen Tagen

12.4. Sorge um Europa kehrt an die Märkte zurück

18.4. Verschnaufpause für Spanien beruhigt Anleger

20.4. Pariser Staatsschulden sorgen für Irritationen

21.4. Freundlicher Wochenausklang

24.4. Verluste dominieren den Wochenauftakt an den Börsen

25.4. Apple erfrischt nach Börsenschluss

28.4. zum Wochenende trotz Spanien im Plus

10.5. Steigende Renditen für Spanien belasten Börsen

16.5. Griechische Zitterpartie bringt Börsen durcheinander

12.6. Börsen fahren nach Spaniens Bankenpaket Hochschaubahn

13.6. Eurokrise drückt die Stimmung

15.6. Euro steigt, Europa zittert, Amerika optimistisch

16.6. Positive Stimmung vor der Griechenland Wahl

19.6. Griechenland-Effekt ist rasch verpufft

20.6. Hoffnung auf EZB-Hilfe beflügelt die Börsen

26.6. Schuldenkrise lässt Anleger erlahmen.

 

Das ist nur ein willkürlicher Ausschnitt von dem, was sich sichtlich täglich an den Börsen abspielt und wie Wirtschaftsredakteure, die ja für sich beanspruchen das Wirtschaftsleben rational zu analysieren, das kommentieren. Auffällig dabei ist, dass die „Märkte“ und die „Börse“ so dargestellt werden, als wären sie handelnde Personen. Sie werden mit hochemotionalem Vokabular versehen. Börsen gehen gut gelaunt ins Wochenende, Verschnaufpausen werden eingelegt, die Börsen werden beflügelt, Eurokrise drückt die Stimmung, zwischen Hoffen und Bangen. Also keine Spur vom rational denkenden „homo ökonomicus“, der ja angeblich so viel besser mit unserem Geld umgehen kann, als staatliche und sozialpartnerschaftlich organisierte Vorsorgesysteme – wollen Sie denen wirklich Ihre Pensionsvorsorge anvertrauen?

 

Stellen Sie sich den Aufschrei vor, das staatliche Pensionssystem würde von einem Jahr auf das andere die Pensionen um mehr als zwei Prozent kürzen. Bei den privaten Pensionskassen ist so etwas den Wirtschaftsredakteuren nicht einmal eine Meldung wert, oder haben Sie in den letzten Jahren darüber etwas gelesen? Da werden nur Jubelmeldungen, die mit der Realität nicht Schritt halten, verbreitet.

 

Realistisch gesehen ist es doch so, dass sowohl die durch das Umlageverfahren beanspruchte, als auch die über die Börse finanzierte Pension von den Menschen erwirtschaftet werden muss, die aktuell im Arbeitsprozess stehen. Die verlässlichere Form ist dabei sicher das Umlageverfahren, d.h. die Pensionen werden direkt über die Pensionsversicherungsbeiträge der Einzahlenden bezahlt. Dieses System hat sich seit mehr als 70 Jahren bewährt. Es hat sich auch herausgestellt, dass es dabei weniger darauf ankommt, wie die Alterspyramide ausschaut, als darauf, wieviele der im erwerbsfähigen Alter stehenden auch Arbeit haben. Es war allerdings immer klar, dass es auch eine Zuzahlung aus dem Budget geben muss, um die Belastung durch Sozialabgaben in Grenzen zu halten.

 

Deshalb wäre es doch wesentlich klüger, sich zu überlegen, wie man das Steuersystem gerechter und nachhaltiger gestalten könnte, statt unbedingt nach einer über die Börsen finanzierten Pensionsvorsorge, die noch dazu steuerlich absetzbar sein soll, zu rufen. Diese Art der Vorsorge ist natürlich im Interesse großer Versicherungskonzerne und der Börsekammer, aber ist es auch im Sinne der Pensionistinnen und Pensionisten? – und wer vertritt eigentlich deren Interessen?

Traude
Novy
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 01 02 03 04 05 06
07 08 09 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 01 02 03
© 2019 | Impressum | Intern
Darstellung: