Traude Novy

11. Apr 2019

Die Wahrheit als Tochter der Zeit?

von Traude Novy am 11. April 2019, 13:15 Uhr

Derzeit beschäftige ich mich intensiv mit der Aufarbeitung dessen, was sich an Papieren im Laufe eines Lebens angesammelt hat. Da ich eine verpatzte Historikerin bin – d.h. ich denke mir bei vielen Zeitungsnotizen, dass ich sie vielleicht noch einmal brauchen würde, weil sie von einem gewissen zeitgeschichtlichen Interesse sein könnten - hat sich da mit den Jahren ein buntes Durcheinander angesammelt.

Unter anderem habe ich mir ein Interview der Zeitschrift „Kirche intern“ mit dem damaligen Nationalratspräsidenten Andreas Khol aus dem Jahr 2004 aufgehoben, das dessen legendär gewordenen, den persönlichen Zugang zur Wahrhaftigkeit ziemlich relativierenden Ausspruch „Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“ ziemlich verdeutlicht. Er bekräftigte darin seine Ablehnung von gemeinsamen Demonstrationen von Christen und Kommunisten und kritisierte den Pluralismus in der Kirche. Er meint in dem Interview, dass der innerkirchliche Pluralismus der 70er und 80er Jahre das klare Bild der kirchlichen Lehre zunehmend überlagerte, sich das Problem aber heute (2004) nicht mehr stellte, weil die Katholische Aktion und die Katholische Jugend einen Großteil ihres Einflusses verloren hätten. Die Katholische Aktion und die Katholische Jugend der 70er und 80er Jahre als Kryptokommunisten zu bezeichnen, nur weil sie an Friedensdemonstrationen teilgenommen haben und deshalb deren Bedeutungsverlust zu begrüßen, zeigt deutlich, wo Andreas Khol ideologisch angesiedelt ist.

 

Weiters bezeichnete er die Trennung von Kirche und Staat als sinnloses Schlagwort, sondern sah den österreichischen Weg in einer aktiv praktizierten Partnerschaft. Außerdem wollte er für die damals angedachte neue Verfassung eine Präambel mit einem Gottesbezug aufnehmen. Damit wollte er die Schranken für den Gesetzgeber aufzeigen, um die naturrechtliche Verankerung der Grundrechte zu verdeutlichen.

 

Khol bestreitet zwar, mit den Bischofsernennungen von Groer und Bischofsernennungen wie Groer, Krenn, Laun, Eder, Küng, ...  etwas zu tun gehabt zu haben, gibt allerdings zu, im Jahrbuch für Politik 1984 vermerkt zu haben, dass die dogmatischen Unterschiede zwischen Rom und den österreichischen Bischöfen sich auf die Bischofsernennungen auswirken werden. Da wusste er wohl mehr.

Derzeit steigt Andreas Khol wieder zum Thema Christlich Sozial und ÖVP in die öffentliche Arena – und er klingt jetzt doch ein wenig anders.

 

Er schwadroniert über Gesinnungs- und Verantwortungsethik, als ob das strikt zu trennen wäre und verlagert politische Entscheidungen allein auf die individuelle Gewissensebene. Päpstliche Rundschreiben haben für ihn keinen verbindlichen Charakter, man muss sich nur mit dieser Meinung auseinandersetzen – das klingt nicht nach „aktiv praktizierter Partnerschaft“, wie er sie 2004 als österreichischen Weg beschrieb. Er bezeichnet auch links und rechts als unanwendbare Kategorien, wenn es um die katholische Soziallehre geht – wie kommt er dann dazu, der Katholische Aktion und der Katholische Jugend Kommunistennähe zu unterstellen?

 

Andreas Khol war einmal der Verfechter von Schnellschüssen, um die „Roten Gfrieser“ zu überrumpeln. „Speed kills“ war seine bezeichnende Redewendung dafür. Wir sollten uns von seiner vorgetäuschten Altersmilde nicht überrumpeln lassen. Als die Koalition seiner Partei mit Rechtsextremen weltweit in die Kritik kam, holte er sofort wieder die Kommunismuskeule in Person von Jean Ziegler hervor, der zwar sichtlich altersradikal geworden ist, aber machtpolitisch wohl keinerlei Gegengewicht zu dem in der Mitte der Gesellschaft angekommenen Rechtsextremismus darstellt. Da nimmt der doch so brillante Denker Andreas Khol seinen Koalitionspartnern die fadenscheinigsten Distanzierungen ab, wenn nur das Machtpotential der neuen Volkspartei nicht „angepatzt“ wird.

 

Soweit meine Reflexionen zu einem ein wenig verstaubten Zeitungsartikel, der aber doch einiges an Gegenwarts-Relevanz aufweist.

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