Traude Novy

25. Feb 2019

100 Jahre Frauenwahlrecht und dann das

von Traude Novy am 25. February 2019, 09:06 Uhr

Da saßen vor kurzem sechs Frauen und ein Mann in einem Fernsehstudio beisammen und diskutierten über das Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht – wo bleibt die Hälfte der Macht?“

Nach dieser Sendung kann man Johanna Dohnals Ausspruch „Frau sein allein ist kein Programm“ nur bestätigen. Da stellte die Moderatorin fest, dass bei Fernsehdiskussionen deshalb so wenig Frauen seien, weil die bei der Einladung zuerst fragten, welches Thema besprochen werden sollte,  bevor sie zusagten, Männer hingegen sofort bereit wären mitzudiskutieren, egal worüber. Für mich wurde da ein wenig deutlicher, wieso sich die meisten Diskussionssendungen auf so schwachem Niveau bewegen. Nun kam von der Moderatorin aber nicht die Anregung, Männer mögen doch wie Frauen zuerst reflektieren, ob sie zum jeweiligen Thema etwas zu sagen haben, bevor sie mitredeten – nein – sie forderte die Frauen auf, es den Männern gleichzutun und wenn der Anruf vom Fernsehen käme  zuzusagen, egal ob sie was zum Thema zu sagen hätten oder nicht. Also Gleichberechtigung durch Nivellierung nach unten.

 

Eine junge Abgeordnete wieder meinte, dass man es Frauen mit kleinen Kindern leichter machen müsste, zu Hause zu bleiben und das Geld statt für Kindergärten doch lieber den Frauen geben sollte. Sie hat sichtlich keine Ahnung, dass sie damit die Frauen in die Altersarmut treibt, denn noch so hohe Ersatzzahlungen werden die Einzahlungen während der Erwerbstätigkeit ins Pensionssystem nicht ausgleichen können. Außerdem ist es ein Mythos zu glauben, es gäbe so etwas wie einen „Bruttrieb“, der Frauen automatisch dazu prädestiniert, sich einzig und alleine den Kindern zu widmen. Außer für die bürgerlichen Frauen des 19. Und 20. Jahrhunderts war das nie weibliche Lebensrealität. Dazu fehlten schon allein die wirtschaftlichen Voraussetzungen.

 

Völlig skurril wurde es aber, als diese junge Nationalratsabgeordnete dann sagte, ihr Beruf wäre mit der Mutterrolle völlig unvereinbar und sie würde, sollte sie Kinder haben, aus der politischen Arbeit ausscheiden.  Dabei brauchte es gerade mehr Mütter in den politischen Ämtern, die dafür sorgen, dass ihre Lebenserfahrung und Lebensrealität  in den Arbeitszeit- und Sozialgesetzen einfließen. Statt Beruf und öffentliche Ämter so auszugestalten, dass sie auch für Mütter und Väter mit Betreuungspflichten möglich sind, fordert da eine junge Politikerin den Rückzug.

 

Eine Mutter von vier Kindern, die ein Buch mit dem erhellenden Titel „Gender Gaga“ geschrieben hat, meinte dann noch, dass der Gender Pay Gap dadurch zustande käme, weil Frauen bei Gehaltsverhandlungen eben „zu dämlich“ wären. Sie plädierte dafür, dass Mütter so wie sie, bei ihren Kindern zu Hause bleiben sollten, natürlich mit entsprechender finanzieller Abgeltung durch die öffentliche Hand.  Als Beobachterin drängte sich einem allerdings unwillkürlich der Wunsch auf, Kinder nicht einer Frau ausgeliefert zu sehen, die insgesamt, aber ganz speziell über ihr Geschlecht nur Gehässiges zu sagen weiß.

 

Eine privilegierte Schauspielerin brachte noch ihre ganz speziellen Sorgen bezüglich Kindermädchen ein und eine junge Künstlerin bemühte sich zwar redlich einen erweiterten Blick einzubringen, scheiterte dabei aber schon deswegen kläglich, weil auch sie ein wenig realitätsfern wirkte.

 

Was mich bei all dem wirklich bedrückte, war, dass keine der Frauen sich der gesellschaftspolitischen Realität stellte, denn auch die Politikerin scheute sich angesichts der geballten individuellen und teilweise privilegierten Sicht der anderen Anwesenden, Klartext zu sprechen. So schien diese Debatte völlig aus der Zeit gefallen zu sein – sie hätte sehr gut in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts gepasst. So als hätte es die 2. Frauenbewegung und Johanna Dohnal nie gegeben.

 

Einzig der Mann in der Runde beklagte die individualistische Sicht auf gesamtgesellschaftliche Problemstellungen. Er wagte sogar den Slogan „Das Private ist politisch“ auszusprechen.

Einige Tatsachen,  von denen ich bis dahin dachte, sie wären im Bewusstsein der heutigen Frauen und Männer gelandet, kamen ganz einfach nicht zur Sprache. Nämlich:

Die unserem Sozialsystem noch immer zugrunde liegende Vorstellung der Versorgerehe -also Mann ist für das Familieneinkommen zuständig, Frau verdient höchstens dazu - entspricht in keiner Weise der Lebensrealität, denn Arbeitsplätze sind heute auch für Männer volatil, Ehen zerbrechen leider, es gibt auch junge Witwen und Witwer. Wohnungen sind teuer und die Lebenshaltungskosten hoch. Sich da darauf einzulassen, von nur einem Einkommen abhängig zu sein kann sehr schnell zur Armutsgefährdung führen. Es ist eine vorgetäuschte „Wahlfreiheit“ zwischen Familienarbeit und Beruf für Frauen. Die Altersarmut für jede 6. alleinstehende Frau in Österreich ist Realität.  Außerdem haben Frauen heute einen gleich hohen Ausbildungsstand wie Männer, häufig auch noch eine höhere Sozialkompetenz. Dieses Können und Wissen wollen sie auch anwenden und das  braucht auch die Gesellschaft – der Rückzug ins Private ist ein Verlust für alle.

 

Aber wie soll unter solchen Bedingungen die Kindererziehung und Care-Arbeit insgesamt geleistet werden? Diese gesellschaftlich wichtigste aller Arbeiten muss bei der Planung und Gestaltung politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen einen hohen Stellenwert haben,  damit Frauen und Männer über die Zeit die dafür aufgewendet werden muss, ohne Selbstausbeutung verfügen können. Weshalb also nicht eine deutliche Arbeitszeitverkürzung für alle, damit diese unbezahlte und oft auch unbezahlbare Arbeit zwischen Frauen und Männern gut aufgeteilt werden kann? Das ist im Endeffekt eine wirkliche win-win-Situation für alle. Denn auch für die Wirtschaft kommt es nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität der geleisteten Arbeit an und die steigt mit der Lebenszufriedenheit.

 

Über all das hätte man diskutieren können, um herauszufinden, was es nach 100 Jahren Frauenwahlrecht zur Gestaltung einer für Frauen und Männer gerechteren Gesellschaft braucht. Was der der ORF allerdings „im Zentrum“ dazu bot, entsprach weder als Unterhaltungs- noch als Bildungsprogramm dem öffentlich rechtlichen Auftrag.

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