Mittwoch 22. November 2017

Traude Novy

22. Feb 2017

Gutes Leben für alle

von Traude Novy am 22. Februar 2017, 13:14 Uhr

Um das gute Leben für alle ein Stück Realität werden zu lassen, müssen wir unsere Beziehung zur Welt verändern. Es geht im Leben vorwiegend nicht um Konkurrenz, sondern um ein miteinander die Welt zu gestalten. Die Kirchen haben dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Sie verbinden utopisches Denken mit sozialem Handeln der einzelnen Menschen. Die spirituelle Verankerung von Christinnen und Christen kann sie zu mutigen Pionierinnen des Wandels machen und Kirchen auch zu Orten, wo Dialog und damit auch „Resonanz“ möglich wird.

Vom 9. Bis 11. Februar fand an der Wirtschaftsuniversität Wien ein beachtenswerter Kongress statt. In zahlreichen Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops befassten sich mehr als 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit, was wir unter gutem Leben verstehen und was es braucht, um dieses gute Leben für alle Menschen zu ermöglichen.

 

Eine Vielfalt an Initiativen, gemeinwirtschaftlichen Unternehmungen, politischen Ansätzen wurden vorgestellt und der theoretische Hintergrund sichtbar gemacht. Dabei wurde darauf geachtet zu bedenken, dass es für das gute Leben kein allgemeingültiges Rezept, aber unabdingbare Voraussetzungen gibt. Weiters wurde klar, dass das gute Leben für alle Menschen nicht einfach herstellbar ist, dass es aber allen Menschen möglich sein muss, dieses gute Leben anzustreben und auch in Teilen zu verwirklichen.


Für mich als Christin fußt der Ansatz der Idee des „Guten Lebens für alle“ in der christlichen „Reich Gottes Theologie“. Die biblische Ansage: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt und es in Fülle habt“, meint genau das, worum es den Veranstaltenden dieses Kongresses geht, nämlich Wege zu suchen, die uns alle diesem Ideal ein Stück näher bringen.

 

Dabei soll nie aus dem Auge verloren werden, dass es den idealen Endzustand hier auf Erden nie geben wird, denn sonst verlieren wir uns in einen gefährlichen Fanatismus, der am Ende glaubt, das Himmelreich auf Erden mit Gewalt herstellen zu können.


Viele WissenschaftlerInnen, Genossenschaften, Gemeinwohl orientierte Unternehmungen, Fachleute für Stadtentwicklung, Fraueninitiativen und Entwicklungsfachleute kamen zusammen, um ihre Vorstellungen vom guten Leben für alle auszutauschen.

 

Dem zugrunde lag die allgemeine Erkenntnis, dass es einen Wandel in unserer Lebensweise unbedingt braucht und wenn wir diesen Wandel nicht gestalten, wir ihn unter Schmerzen erleiden werden. Es geht dabei um die persönliche Lebensweise ebenso wie um eine Veränderung im ökonomischen Denken und Handeln, um die Gestaltung unserer Städte und Gemeinwesen, um umweltverträgliches Agieren, um die Teilhabe an demokratischen Prozessen und um eine menschengerechte Globalisierung.


Um das gute Leben für alle ein Stück Realität werden zu lassen, müssen wir unsere Beziehung zur Welt verändern. Es geht im Leben vorwiegend nicht um Konkurrenz, sondern um ein miteinander die Welt zu gestalten. Dazu ist es nötig, dass unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen miteinander im Gespräch bleiben, aufeinander hören und sich dadurch auch verändern. Prof. Hartmut Rosa nannte „die Resonanz“, das Reagieren aufeinander, als treibende Kraft.


Als Beispiel für die Annäherung an das Gute Leben aller und auch für dessen Scheitern, wurde die Geschichte des „Roten Wien“ analysiert. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg wurde in Wien etwas geschaffen, was einmalig in der Geschichte ist. Eine Vielfalt von sozialen und kulturellen Veränderungen in Schule, Wohnbau, Kultur und ökologischer Infrastruktur ermöglichte die Teilnahme früher im Elend lebender Ausgeschlossener am sozialen Leben. Vom Gemeindebau über die öffentliche Bibliotheken und Kulturvereine bis zum Kinderfreibad und zur Volkshochschule stand den früher Rechtlosen der Zugang zu Infrastruktur und Bildung kostenlos offen. Es ist kein Wunder, dass diese Neuerungen auf massiven Widerstand der Mächtigen stießen.

 

Aber auch die Kirchen, deren Auftrag es sein sollte, sich auf die Seite der Benachteiligten zu stellen, waren durch das lange Bündnis zwischen Thron und Altar unfähig, ihre Aufgabe zu erkennen und einen Ausgleich mit den Sozialreformern zu finden. Die Verantwortlichen im „Roten Wien“ wiederum erklärten sich von der langen Korrumpierung der Kirchen durch die Mächtigen geprägt, zu erbitterten Kirchenfeinden. So wurden die natürlichen Verbündeten, nämlich Kirche und soziale Erneuerungsbewegungen zu todbringenden Feinden, für die es keine Gesprächsbasis und somit auch keine „Resonanz“ gab, die ein Miteinander ermöglicht hätte.


Welche Schlüsse können wir Christinnen und Christen nun aus dieser historischen Erfahrung ziehen? Da die Utopie vom guten Leben gleichermaßen fortschrittlich und das Gute bewahrend (progressiv und konservativ) ist, braucht es den Dialog und das gemeinsame Handeln unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppierungen. Die Kirchen haben dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Sie verbinden utopisches Denken mit sozialem Handeln der einzelnen Menschen. Die spirituelle Verankerung von Christinnen und Christen kann sie zu mutigen Pionierinnen des Wandels machen und Kirchen auch zu Orten, wo Dialog und damit auch „Resonanz“ möglich wird.

 

Das „Rote Wien“ als vergebene Chance der Kirche sich auf die Seite der Benachteiligten zu stellen, sollte ein Lehrbeispiel dafür sein, was alles möglich ist und wie ein gesellschaftlicher Wandel besser abgesichert und breiter mitgetragen werden kann, wenn wir Christinnen und Christen die Zeichen der Zeit erkennen.

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