Traude Novy

01. Jul 2016

Fußball – Spiel des Lebens

von Traude Novy am 01. Juli 2016, 23:50 Uhr

Was ist das Besondere am Fußball, dass so viele Menschen von der Europameisterschaft in ihren Bann gezogen werden, sodass die mannigfachen nationalen und globalen Tragödien in den Hintergrund rücken und vordergründig fast nur das Spiel um das runde Leder die Diskussion in der Öffentlichkeit beherrscht?

Nun hat also tatsächlich das kleine Island Österreichs ganzen Stolz - die Fußballnationalmannschaft -aus dem Bewerb bugsiert. Wochenlang hat das Thema Fußballeuropameisterschaft fast alle anderen Themen verdrängt. Es war ja gar nicht so schlecht, dass sich die Boulevard-Presse weniger auf die unerfreulichen politischen Streitigkeiten konzentrierte. Es ist nur zu hoffen, dass das angeschlagene österreichische Nationalbewusstsein sich nun nicht verstärkt unreflektiert gegen jene wendet, die mit dieser sportlichen Niederlage nichts zu tun haben, nämlich gegen Flüchtlinge.


Aber was ist das Besondere am Fußball, dass so viele Menschen von der Europameisterschaft in ihren Bann gezogen werden, sodass die mannigfachen nationalen und globalen Tragödien in den Hintergrund rücken und vordergründig fast nur das Spiel um das runde Leder die Diskussion in der Öffentlichkeit beherrscht?


Fußball scheint ein Brennglas für unterbewusste gesellschaftliche Strömungen zu sein, die noch nicht auf der Oberfläche angekommen sind.  Ich kann mich z.B. nicht daran erinnern, dass in der Vergangenheit mit soviel Inbrunst die nationalen Hymnen gesungen wurden, wie jetzt im vereinten Europa. Das zeigt, dass die Europameisterschaft etwas anderes ist, als die spielerische Auseinandersetzung von Mannschaften, die in der EU vereint sind, da geht es um mehr als um Sport – es geht um Stärkung der nationalen Identität, die nur allzu leicht in Nationalismus kippen kann, wie wir leidvoll sehen.

 

Die Außenseiterrolle Russlands zeigt sich auch darin, dass sich Hooligans dieses Landes gerade mit englischen Rowdys – die sich ja auch nicht wirklich Europa zugehörig fühlen, beinahe echte Schlachten lieferten. Das dürfte allerdings auch damit zusammenhängen, dass viele in diesen Ländern eine ziemlich ungesunde Beziehung zum Alkoholgenuss haben.


Richtig lustig wird es dann, wenn man die elf Menschen auf dem Spielfeld, die da mit Verve ihre nationalen Hymnen mitschmettern, betrachtet.  Fast in allen Mannschaften stehen überwiegend junge Männer, deren Eltern oder Großeltern, oder vielleicht sogar sie selber von weit her in dieses Land gekommen sind. Die meisten davon als Kriegs- oder „Wirtschaftsflüchtlinge“.  Fußball war schon immer ein Sprungbrett für Migranten, um den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen.

 

Waren es am Beginn des Fußballzeitalters die sogenannten „Ziegelböhmen“ , die auf ihren Gstetten mit den Fetzenlaberln das damalige österreichische Wunderteam begründeten, so sind es jetzt dank der Globalisierung, Menschen aus allen Erdteilen, die durch Fußball gesellschaftliche Integration und Anerkennung erfahren.


All das, was wir den asiatischen, afrikanischen, lateinamerikanischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern im Zusammenleben oft verweigern, nämlich dass sie zu uns gehören und Teil unserer Gesellschaft sind, akzeptieren wir im Sport und vor allem im Fußball unhinterfragt, ja diese Sportler aus aller Herren und Frauen Länder sind die zentralen Adressaten unserer nationalen Gefühle.


Deshalb ist es auch der Traum all jener Buben, die auf sandigen Plätzen ihrer Dörfer und in den „Käfigen“ der großen Städte überall auf der Welt dem Fußball nachjagen, durch diesen Sport nach „oben“ zu kommen. Die Realität ist allerdings die, dass nur für ganz wenige dieser Traum Wirklichkeit wird und auch mit diesen jungen Talenten weltweit ein spekulativer Handel betrieben wird. Sie werden fallen gelassen, wenn sie nicht entsprechen. Ausnahmen sind da jene Hilfsorganisationen, die mittels Fußball Zugang zu jungen Menschen bekommen, denen sie dann breitere Lebenschancen ermöglichen.


Die Faszination des Fußballs geht davon aus, dass am Beginn jedes Spiels fast alles möglich erscheint und Jubel und tiefste Niedergeschlagenheit so nahe beieinander angesiedelt sind, ja dass im Jubel sich oft schon das Verhängnis abzeichnet und umgekehrt. Die vergebenen Chancen und die glücklichen Treffer symbolisieren die Lebensrealität von uns allen. Dabei werden  all jene Gefühle ausgelebt, die wir im Alltag nicht zu zeigen wagen.


Es gibt aber eine noch tiefer gehende Komponente dieses „Spiels“. Es hat ganz unmittelbare Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Befindlichkeit ganzer Gesellschaften. Das traumatische Erlebnis meiner Kindheit war die 1:6 Niederlage Österreichs gegen Deutschland im Jahr 1954. Damals dachten wir zumindest im Fußball dem sich abzeichnenden deutschen Wirtschaftswunder überlegen zu sein und wurden schwer geschlagen.

 

Der Jubel 1978 als wir bei der Weltmeisterschaft in Argentinien Deutschland besiegten, ist nur auf Grund dieser Niederlage richtig zu verstehen. Das Bedenkliche an diesem Jubel um den Sieg von Cordoba ist nur, dass wir uns kindlich freuten, Deutschland besiegt zu haben und in keiner Weise wahrnahmen, was sich dort zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft abspielte, nämlich Terror und Gewalt der Militärdiktatur gegen die eigene Bevölkerung.


Noch viel traumatischer war das Jahr 1954 allerdings für die unbestritten besten Fußballer dieser Zeit, nämlich die Ungarn. Auch sie verloren unglücklich gegen Deutschland – ein ganzes Land verfiel in Depression. Ich denke, es gibt einen direkten Zusammenhang dieser Niederlage mit dem ungarischen Aufstand 1956. Erst durch diese nationale Enttäuschung wurde der Blick auf die Unerträglichkeit der politischen Zustände gelenkt. Für Deutschland, dem damaligen glücklichen Weltmeister war damit der Weg zu neuem nationalen Selbstbewusstsein und ein Schritt heraus aus der Niedergeschlagenheit der Nachkriegszeit  bereitet.


Ich bin auch der festen Überzeugung, dass die 7:1 Niederlage Brasiliens gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, die Empörung über die korrupten Zustände in Wirtschaft und Politik erst richtig in Fahrt gebracht hat. Die ungerechte Entladung auf eine Regierung, die wie keine zuvor Menschen aus der Armut geholfen hat, war aus dieser nationalen Enttäuschung heraus leicht zu entfachen. Es ist aber auch eine Tatsache, dass sportliche Großereignisse und die Bautätigkeit in deren Vorfeld der Korruption überall auf der Welt Tür und Tor öffnen.


Es scheint ein seltsamer Zufall zu sein, dass Deutschland bei so vielen schwerwiegenden fußballerischen Ereignissen eine Rolle gespielt hat, denn das ist sichtlich jene Nation, die im Ruf steht, nicht leicht aufzugeben und in allerletzter Minute noch Spiele zu entscheiden, weniger spielerisch aber mit Nachdruck.


Es gäbe noch vieles zum Thema Fußball als Spiegelbild des Lebens zu sagen, warten wir ab, wer diesmal Europameister wird.

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