Traude Novy

26. Mai 2016

Wir haben gewählt – und was nun?

von Traude Novy am 26. Mai 2016, 00:04 Uhr

Die Bundespräsidentenwahl ist entschieden, aber die Frage, warum in einem der reichsten Länder Europas eine so tiefe Unzufriedenheit herrscht, bleibt. Es muss zu denken geben, wie sich diese Unzufriedenheit massiv ausdrückte.

Die Hälfte der Wählenden hat dem Kandidaten einer Partei, die hauptsächlich durch Destruktivität auffällt, ihre Stimme gegeben. Die einfache Erklärung, es handle sich bei den Hofer-Wählern um Modernisierungsverlierer, ist wohl zu einfältig – so viele Modernisierungsverlierende gibt es nicht.

 

Es müssen wohl vorwiegend andere Gründe sein, die vor allem die Menschen am Land dazu bewogen haben, den Vertreter der FPÖ zu wählen. Die städtische Bevölkerung scheint da weniger anfällig zu sein, auch in den Wiener Arbeiterbezirken wählte die Mehrheit Van der Bellen. Nur dort, wo die Stadt in ländliche Gebiete übergeht, wie z.B. in Wien-Simmering, hatte Hofer die Mehrzahl der Stimmen. Es hängt also auch nicht mit der Anzahl der MigrantInnen im Wohngebiet zusammen. Die Ängste sind diffus und die Rolle der Boulevardmedien beim Schüren dieser Ängste kann nicht groß genug eingeschätzt werden.

 

Es ist unbestritten, wir gehen unsicheren Zeiten entgegen. Menschen werden weiterhin nach Europa einwandern. Der Klimawandel fordert uns heraus. Die Wirtschaft wird bei uns nie mehr so wachsen, dass alle davon profitieren können. Die Verteilung der Vermögen und Einkommen wird immer ungleicher. Die Machtversessenheit der globalen Wirtschaftsakteure und die Machtvergessenheit der politisch Handelnden gegenüber diesen Lobbies verursachen ein Klima der Zukunftsangst in ganz Europa. Auch wenn noch so viel schön geredet wird, die Wirtschaftskrise ist nirgendwo überwunden.

 

Es ist eine Zeitenwende, auf die wir uns einstellen müssen, aber wir haben die Chance, diesen Wandel zu gestalten. Was die 50% der Hofer-Wähler eint, ist aber das Bedürfnis, so weiterleben zu können, wie bisher und mit rückwärts gewandten Konzepten das Rad der Zeit aufhalten zu können. Wobei es sich bei diesen 50% nicht um ein sogenanntes Lager handelt, sondern um Menschen, ganz unterschiedlicher Interessenslagen.

 

Da sind die Menschen in den Dörfern, die nicht wollen, dass sich ihre Lebenswelt ändert, da sind die Wohlhabenden und Privilegierten, die nichts abgeben wollen, da sind die wirklich an den Rand gedrängten, für die jede Veränderung eine Bedrohung ihrer ohnehin schon prekären Existenz ist. Und eines sollte auch gesagt werden, es sind überwiegend Männer, die ihr Heil in autoritären Gesellschaftsmodellen suchen. Sie alle eint ein vordemokratisches Verständnis von Politik, denn Volksabstimmungen, denen keine politische Bildung zugrunde liegt, und die der Manipulation durch die Boulevardpresse ausgesetzt sind, können demokratische Strukturen nicht ersetzen.

 

Das alles hat natürlich historische Wurzeln und dabei spielt die katholische Kirche keine kleine Rolle. Sie trägt daher heute auch Mitverantwortung dafür, wie wir den gesellschaftlichen Wandel gestalten.

 

Österreich hat, wie fast alle Nachfolgestaaten der Habsburger-Monarchie sehr lange gebraucht, um die Trennung von Thron und Altar auch tatsächlich zu realisieren. Das Gottesgnadentum der Habsburger wurde in der Zwischenkriegszeit durch den Prälaten ohne Gnade Ignaz Seipel und dann durch die mit kirchlichem Segen versehene Diktatur des Engelbert Dollfuß fortgesetzt.

 

Es war erst Kardinal Franz König, der sich aus der Umklammerung einer politischen Richtung befreite und politisch Handelnde nach ihren Taten im Sinne des Evangeliums und der Menschenrechte beurteilte. Das ist ihm nicht immer gut bekommen und hat ihm herbe Kritik von konservativer politischer Seite eingetragen. Er wurde als „der rote Kardinal“ diffamiert und die Gerüchte, dass die Kirche Österreichs Kardinal Groer, Bischof Krenn und Konsorten der Intervention von ÖVP-Politikern in Rom verdankte, scheinen nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein.

 

Dass die Kirche Österreichs nicht immer ein gutes Gespür dafür hatte, in kritischen Situationen  Stellung zu beziehen, ist evident. Das „Heil Hitler“ Kardinal Innitzers im Zuge der Machtübernahme Hitlers ist nur ein Beispiel für eine fehlgeleitete und naive politische Haltung, die er leider zu spät korrigiert hat.

 

Die durch Kardinal König eingeleitete Wende der Katholischen Kirche von einer Institution des konservativen Establishments zu einer Kirche, die im Sinne Jesu auf der Seite der Benachteiligten steht, hatte viele Ursachen. Eine davon waren die Impulse, die vom 2. Vatikanischen Konzil ausgegangen sind, die zur Entstehung der Befreiungstheologie, der feministischen Theologie und der Option für die Armen und Ausgegrenzten geführt haben.

 

Eine zweite ist sicher der von vielen als schmerzhaft empfundene Verlust der Katholischen Kirche als Volkskirche – die von der Wiege bis zur Bahre die große Mehrheit der Menschen begleitete und nicht nur die ethischen Regeln der Gesellschaft vorgab, sondern oft auch einengende und Frauen diskriminierende moralische Maßstäbe vor allem im Sexualbereich setzte.

 

Die auf Kardinal König folgenden Fehlbesetzungen in Bischofsämtern haben dazu geführt, dass es heute im Klerus und im Kirchenvolk eine Ungleichzeitigkeit spiritueller und politischer Standorte gibt, weshalb durch die Katholische Kirche genauso ein Riss geht, wie durch die österreichische Gesellschaft insgesamt.

 

Eine aufgeklärte Agnostikerin hat mehr mit einem  weltoffenen Christen gemein, als dieser mit einer Anhängerin einer fundamentalistischen Glaubensbewegung. Der Glaube an Gott fußt auf völlig divergierenden Gottes- und Menschenbildern. Das offenbart sich anlässlich politischer Entscheidungsprozesse. Die Bundespräsidentenwahl zeigt dies beispielhaft.

 

Da sieht sich die katholische Frauenbewegung wegen einer fälschlichen Vereinnahmung durch die FPÖ veranlasst, zur Wahl Alexander Van der Bellens aufzurufen. Auf der anderen Seite vertritt z.B. Bischof Laun ein autoritäres Kirchen- und Politikverständnis und attackiert die kfb scharf. Seine Bezeichnung von Alexander Van der Bellen als Kirchen- und Gottesfeind zeugt von einem mittelalterlichen Gottesbild, mit dem er aber sicher in der katholischen Kirche nicht alleine da steht.

 

Was können also mündige Christinnen und Christen tun, angesichts solch einander widersprechender Vorstellungen von Gesellschaft und Kirche?

 

Wir sollten unsere Möglichkeiten nicht kleinreden. Kirchen sind in einer auf Individualisierung und Vereinzelung ausgerichteten Gesellschaft nach wie vor Orte, wo Menschen zusammenkommen, um miteinander zu feiern und ihren Alltag reflektieren. Sie müssen zunehmend Orte der Auseinandersetzung darüber werden, wie wir gemeinsam Zukunft gestalten wollen – sozial, ökologisch und solidarisch. Nirgendwo gibt es mehr Möglichkeiten des Austauschs von Meinungen, der Beheimatung von Menschen, die an den Rand gedrängt sind und der Erprobung gemeinsamer Änderung unseres Lebensstils.

 

Wir müssen wieder lernen, unseren Alltag in der Kirche zur Sprache zu bringen. Dazu braucht es das Angebot zur politischen Bildung – denn ohne diese Bildung gibt es auch keine Demokratie. Es braucht auch Angebote zur Mitgestaltung unserer Lebenswelt. Gottesdienste, die nicht mit unserer Lebensrealität zu tun haben und in denen unser Alltag nicht zur Sprache kommt, sind Götzendienste.

 

Die Einrichtungen der Katholischen Aktion müssen sich dahingehend befragen, ob sie ihrer Aufgabe gerecht werden, als Christinnen und Christen bei der Gestaltung des guten Lebens für alle Menschen mitzuarbeiten. Dabei gilt es, nach neuen Verbündeten Ausschau zu halten und alte Fesseln abzuwerfen. Es wird spannend, aber wir sollten es wagen.

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