Traude Novy

28. Mär 2016

Ist die "Festung Europa" eine sinnvolle Lösung?

von Traude Novy am 28. März 2016, 21:14 Uhr

Die Vorstellung, in einer Festung zu leben, von der aus wir dann die verbleibenden Paradiese dieser Erde als friedliche Touristen bereisen, hat doch etwas Absurdes.

Unsere Innenministerin und unser Verteidigungsminister haben sich nun darauf geeinigt – Österreich wird eine führende Rolle beim Bau der Festung Europa spielen. Wo die Festungswälle errichtet werden, also was alles zu Europa gehört, scheint allerdings noch nicht klar zu sein.

 

Wollen sie nur die Staaten der EU vor den andrängenden Flüchtlingen schützen, oder zählen auch so brave Lakaienstaaten wie Mazedonien dazu. Und was ist mit dem von Bundeskanzler Faymann so „treffend“ charakterisierten Reisebüro Griechenland? Die europäischen Staaten Ukraine, Weißrussland und Russland werden ja sicher nicht als Teile der Festung gedacht sein.

 

Also ein wenig Klarheit, welches Europa und in welcher Form sich dann dieses Europa vor den als feindlich betrachteten, allerdings unbewaffneten Heeren schützen möchte, wünschen wir Bürgerinnen und Bürger uns von der Solidargemeinschaft EU schon.

 

Als erste wichtige Tat müsste sich Europa allerdings eine andere Hymne zulegen: „Alle Menschen werden Brüder“ klingt in diesem Zusammenhang doch ein wenig unglaubwürdig.

 

Als zweites müsste man auch die viel beschworenen europäischen Werte deutlich relativieren. Menschenrechte sind doch teilbar – für Menschen innerhalb der Festung gelten deutlich andere als für jene, die sich draußen befinden.

 

Drittens könnte man auch Klartext sprechen und die sogenannten hotspots auch Internierungslager nennen, aus denen es kein Entrinnen, außer der Abschiebung in so sichere Drittländer wie die Türkei gibt. Um all dies zu realisieren, braucht es auch noch die Verabschiedung von einer europäischen Gedächtniskultur, die nach den Gräueln der Nazi-Zeit für eine gewisse Sensibilität gegenüber einer menschenverachtenden Sprache und eben solchen politischen und gesellschaftlichen Handlungen geführt hat.

Noch vor einigen Monaten war der Begriff „Festung Europa“ nur als abschreckende Vision im Gebrauch – denn das Wort Festung bedeutet ja nicht nur, dass alles Fremde draußen gehalten werden soll, sondern auch, dass es aus ihr kein Entrinnen gibt – es bedeutet eingeschlossen sein hinter Mauern. Glauben die Propagandisten dieses Begriffs, dass es in die andere Richtung so weiter geht, wie gehabt?

 

Zu uns kommt niemand rein, aber wir reisen dorthin, wo es noch schön ist. Auf ferne Inseln, wenn es im Reisebüro Griechenland zu ungemütlich wird, oder am besten gleich auf schwimmende Inseln, genannt Kreuzfahrtschiffe, die dort einfallen können, wo jene Menschen zu Hause sind, die wir als Wirtschaftsflüchtlinge partout nicht bei uns sehen wollen. Die Vorstellung, in einer Festung zu leben, von der aus wir dann die verbleibenden Paradiese dieser Erde als friedliche Touristen bereisen, hat doch etwas Absurdes.

Wir haben eine Welt geschaffen, in der eine kleine Minderheit zu Lasten der großen Mehrheit der Menschheit einen Wohlstand genießt, den es so noch nie gegeben hat. Dies ist nicht länger haltbar, egal was wir tun. Wir können versuchen, es uns auf unserer Festung gemütlich einrichten, so wie es bei den Reichen in Lateinamerika schon lange üblich ist, indem sie um ihre Wohnviertel hohe Stacheldrahtzäume errichten und sie rund um die Uhr bewachen lassen.

 

Da bleibt allerdings als einzige Freiheit, die Freiheit des Konsums über. Sobald wir diese Festung verlassen, wird es gefährlich, denn in diese befestigten Wohlstandsinsel werden immer wieder Menschen eindringen – die dann allerdings wahrscheinlich nicht mehr bei uns Schutz suchen, sondern wie wir es schon derzeit erleben, terroristische Aktionen setzen werden.

Wenn wir davon sprechen, eine Festung Europa zu bauen, egal wie sie aussieht und wo ihre Grenzen sein werden, so ist das eine Kriegserklärung an all jene, die draußen bleiben müssen. Dessen sollten wir uns bewusst sein, wenn wir leichtfertig durch unsere Rhetorik etwas simulieren, was nur allzu leicht in die Tat umgesetzt werden kann.

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