Traude Novy

05. Nov 2015

Das vielfach missverstandene Wort Gender

von Traude Novy am 05. November 2015, 11:43 Uhr

Die Gehässigkeit und Emotionalität mit der häufig auf das Wort „Gender“ reagiert wird, lässt für mich einige Rückschlüsse zu. Gibt es eine weitverbreitete Angst, dass Frauen quasi die „Macht ergreifen“? Diese Angst scheint mir in Anbetracht der Vertretung von Frauen in wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Schlüsselpositionen doch als ziemlich unbegründet. Oder ist es schlicht die Verweigerung, eingefahrene Denkmuster zu verändern?

Ich bin seit Jahrzehnten in vielen Bereichen der Entwicklungszusammenarbeit tätig, deshalb ist mir das Wort Gender und seine Bedeutung schon lange vertraut. In der Arbeit mit Menschen im globalen Süden wurde früh erkannt, dass Frauen eine entscheidende Rolle bei der Veränderung der Lebensbedingungen aller spielen. Sie sind für Kinder, Ernährung, Gesundheit – also für die Grundversorgung zuständig und sie sind auch oft die einzig verlässlichen Partnerinnen bei Projekten, weil ja Männer häufig auf der Suche nach Arbeit und Einkommen die Familien verlassen. 

 

In der Entwicklungszusammenarbeit wurde auch das Wort „Gendergerechtigkeit“ zuerst verwendet, weil eben klar wurde, dass Entwicklungsprojekte nur dann erfolgreich sind, wenn sie auch die Auswirkungen auf Frauen bedenken. Bei uns hingegen wird derzeitig ein verbaler Krieg gegen „Gender“ geführt, ohne dass die meisten wissen, worum es dabei eigentlich geht. 

 

Gender bedeutet, dass Frauen und Männer neben dem biologischen Unterschied auch durch Erziehung, Tradition, Religion usw. Rollen zugewiesen bekommen, die nicht biologisch zu begründen sind. Dieses Wort Gender gibt es nur im Englischen, weil dort eben schon lange erkannt wurde, dass die Biologie allein nicht für die unterschiedlichen Stellungen von Frauen und Männern in der Gesellschaft verantwortlich sein kann, sondern dass es dafür auch soziale Gründe gibt. 

 

Es hat dennoch lange gedauert, bis die ExpertInnen der Entwicklungszusammenarbeit entdeckt haben, dass sich z.B. in Dörfern nichts ändert, solange nicht auch die Frauen an den Projekten beteiligt sind. Wo Frauen die Verantwortung für die Brunnen haben, funktioniert es zumeist auch, weil sie es sind, die für die Wasserversorgung der Familien zuständig sind. Es gilt auch in Ländern, in denen Frauen die einzigen kontinuierlichen und verlässlichen Versorgerinnen der Familie sind,  das Erbrecht von Frauen und deren Eintragung ins Grundbuch zu ermöglichen. Das sind alles lebens- und überlebensnotwendige Errungenschaften und keine Spinnereien von „überspannten Emanzen“ wie es in der öffentlichen Diskussion oft dargestellt wird. 

 

Eine der Grundlagen sinnvoller Entwicklungszusammenarbeit ist es deshalb, jedes Projekt auf die unterschiedlichen Auswirkungen auf Frauen und Männern zu überprüfenDie Katholische Frauenbewegung hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch ihre Aktion Familienfasttag Frauen persönlich und auch wirtschaftlich zu stärken. 

 

Alle jene, die hierzulande glauben, sich über den „Genderwahnsinn“ lustig machen zu können, haben keine Ahnung von den Lebensbedingungen von Frauen in vielen Teilen der Welt. Es ist aber auch wohl so, dass es hierzulande noch vieles bezüglich Gleichberechtigung von Frauen in allen Lebensbereichen zu tun gibt. Die Diskussion erhitzt sich hierzulande aber an Nebenschauplätzen wie dem Binnen-I und der sprachlichen weibliche Form. 

 

Natürlich ist es auch wichtig, dass Frauen in der Sprache sichtbar gemacht werden, denn was nicht benannt wird, wird auch nicht gesehen. Die gendergerechte Sprache ist aber nur ein kleiner Aspekt wenn es darum geht, Frauen und Männern im privaten und öffentlichen Leben gerecht zu werden. Gender-mainstreaming, auf das sich zumindest die EU geeinigt hat, bedeutet nichts anderes, als dass Gesetze und gesellschaftliche Entscheidungen auf ihre Auswirkungen auf Frauen und Männer beurteilt werden, damit nicht neue Unrechtstrukturen geschaffen werden.

 

Ein ganz wesentlicher Beitrag zu mehr Gerechtigkeit verbirgt sich hinter dem sperrigen Wort „Gender-Budgeting Das bedeutet, dass auch die Budgets der Länder und Gemeinden auf die unterschiedlichen Auswirkungen auf Frauen und Männer geprüft werden sollen. Dies ist übrigens in der EU eine verpflichtende Vorgabe. Denn die Interessen und Bedürfnisse sind sehr verschieden und die Auswirkungen auf den ersten Blick oft nicht sichtbar.

 

Ein einfaches Beispiel: wenn eine Gemeinde überlegt, die Sportanlagen oder den Kindergarten auszubauen, werden Frauen und Männer möglicherweise unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Österreichs letzte Steuerreform ist sichtlich nur sehr oberflächlich auf Gendergerechtigkeit geprüft worden, denn Frauen, die meist weniger verdienen, profitieren von der Steuerermäßigung weit weniger als Männer.

 

Ein bedeutender Wirtschaftswissenschaftler hat einmal gesagt: „Wirkliche Partnerschaft zwischen den Geschlechtern kann es nur dann geben, wenn es keine einseitigen Abhängigkeiten gibt“. Die Betonung liegt auf einseitig, denn dass wir Menschen voneinander abhängig sind, gehört zu den Grunderfahrungen von Frauen und Männern. 

 

Ich würde ergänzen – ein liebevolles Miteinander und Füreinander von Frauen und Männern braucht eine gerechtere Verteilung auf vielen Ebenen: von bezahlter und unbezahlter Arbeit, von Sorge-Arbeit und von Ressourcen - überall auf der WeltDabei kann die Methode des Gender-mainstreamings hilfreich sein, davor muss sich niemand fürchten.  

 

   

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