Traude Novy

27. Sep 2015

Wer die Welt zusammenhält

von Traude Novy am 27. September 2015, 00:40 Uhr

Die Zeiten sind vorbei, wo in einer großen österreichischen Tageszeitung jene Menschen, die sich unbezahlt für die Gesellschaft engagieren, als „liebenswerte Gschaftlhuber“ abgewertet werden konnten.

Die politisch Verantwortlichen Österreichs sind mit der Situation, dass tausende Menschen im reichen Europa Schutz suchen, heillos überfordert. Bund, Länder und Gemeinden lieferten ein entwürdigendes Spiel mit dem Florianiprinzip.  Sie schielten bei ihren Entscheidungen immer nur auf jenen Teil der Gesellschaft, der sich zu Recht oder zu Unrecht durch diese Situation bedroht fühlt.

 

Solidarisch und verantwortlich fühlende Menschen  haben spontan die Initiative ergriffen und  das Ruder übernommen. Die Zeiten sind vorbei, wo in einer großen österreichischen Tageszeitung jene Menschen, die sich unbezahlt für die Gesellschaft engagieren, als „liebenswerte Gschaftlhuber“ abgewertet werden konnten. Die Zivilgesellschaft steht derzeit zumindest verbal hoch im Kurs. Und es ist auch wirklich so, dass einem die vielen Menschen, die sich - nicht nur in Österreich und Deutschland -  für Flüchtlinge in vielfältiger Weise engagieren, den Glauben an die Menschheit  zurückgeben.

 

Die zahlreichen Initiativen, die spontan entstehen, zeugen von einer solidarischen Kraft in der Gesellschaft, die viele überrascht hat.  Politikerinnen und Politiker, die „Volkes Stimme“ immer nur in selbstsüchtigen und kleingeistigen Raunzereien zu hören glauben, werden derzeit eines besseren belehrt.


Wer verbirgt sich aber hinter dem Synonym „Zivilgesellschaft“?


Da sind einmal die ganz spontan handelnden individuellen Menschen, die nicht länger zuschauen wollen, wenn in der Gesellschaft etwas schiefläuft. Es sind aber auch kleine soziale Netzwerke und Vereine, die immer wachsam gesellschaftliche Veränderungen und Bedürfnisse wahrnehmen. Und es sind in hohem Maße Menschen in den Pfarrgemeinden, die den Einsatz für die Ärmsten als ihre christliche Grundaufgabe sehen.


Aber ohne die organisatorische Qualität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Caritas, Rotem Kreuz, Diakonie und vieler kleiner Hilfswerke im Hintergrund, könnte die individuelle spontane Hilfsbereitschaft einzelner auch im Chaos enden. Ich denke, dass die Überforderung jenes Unternehmens das Traiskirchen betreut auch damit zusammenhängt, dass es eben nicht wie die Hilfswerke mit der Zivilgesellschaft vernetzt ist und auch die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Mitarbeitenden nicht kennt.


In Ernstfall-Zeiten wie diesen zeigt es sich deutlich, wie wichtig gut organisierte und strukturierte gemeinnützige Bewegungen für den sozialen Zusammenhalt sind. Die vielfältig agierenden zivilgesellschaftlichen Organisationen arbeiten zumeist unauffällig in all jenen Bereichen, die den verantwortliche Politikerinnen und Politikern nur in Sonntagsreden wichtig zu sein scheinen, wie z.B. in Bildungseinrichtungen, die sowohl Sprachkurse für Migrantinnen organisieren als auch persönlichkeitsfördernde und demokratische Kompetenz vermitteln.

 

Ohne die diversen Verteilungsorte für Lebensmittel an Bedürftige vom Sozialmarkt, über die diversen Tafeln bis zu den Pfarrgemeinden würde auch bei uns die Armut deutlich sichtbarer sein. Zahlreiche Unterstützungsvereine für Migranten und Migrantinnen arbeiten regional und unauffällig, aber sehr effektiv. Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, die sich für einen Blick über den nationalen Tellerrand einsetzen,  sorgen dafür, dass die Frage der globalen Gerechtigkeit nicht erst dann thematisiert wird, wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Sie tragen alle dazu bei, dass wir nicht zu einer seelenlosen Gesellschaft des Kaufens und Verkaufens  verkommen.

 

Es ist allerdings so, dass diese Nicht Profit orientierten Organisationen im Normalfall von der öffentlichen Hand zumeist nur als Kostenfaktor wahrgenommen werden und sie um Zuschüsse und Förderungen für ihre Arbeit betteln müssen, ungeachtet dessen, dass auch in diesem Sektor der Wirtschaft Arbeitsplätze geschaffen und Steuern bezahlt werden.  Es ist daher nicht verwunderlich, dass an diesen hoch qualifizierten und unterbezahlten Stellen vorwiegend Frauen tätig sind. 

 

Anlässlich der Situation, wo tausende Flüchtlinge in und durch unser Land strömen und Politikerinnen und Politiker ziemlich hilflos erscheinen und auch die sonst so machtbewussten transnationalen Konzerne wenig zur Lösung der Probleme beitragen, zeigen Pfarrgemeinden, kirchliche Einrichtungen, soziale Netzwerke und Vereine ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Sie sorgen für menschenwürdige Bedingungen und organisieren die Hilfsbereitschaft der Zivilgesellschaft. 

 

Es zeigt sich also sehr deutlich, wer unsere Welt im Ernstfall zusammenhält. Darüber sollten wir mal reden, wenn Non Profit Organisationen zu Bittstellern degradiert werden und die dort arbeitenden Frauen und Männer weniger Ansehen genießen, als jene, die zwar das Geldvermehren beherrschen, aber angesichts menschlicher Tragödien hilflos sind.

 

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