Traude Novy

26. Jan 2015

Unsichere Zeiten

von Traude Novy am 26. Januar 2015, 11:16 Uhr

Wir sind zutiefst besorgt über die Ausbrüche von Hass, Menschenverachtung und Mordlust, deren Zeugen wir in letzter Zeit werden. Seit der Ermordung der Karikaturisten von Hebdo Charlie, von PolizistInnen und von vier jüdischen Personen in einem koscheren Supermarkt in Paris, wissen wir, dass Terroristen überall zuschlagen können - und es auch tun.

Dennoch sollten wir die Relationen nicht verlieren – die meisten Opfer der sich als Gotteskrieger bezeichnenden Fanatiker sind muslimische BürgerInnen im Nahen Osten und in vielen Staaten Afrikas. Fassungslos stellen wir uns die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Mördergruppen im Namen Allahs ganze afrikanische Dörfer ausrotten, Frauen und Mädchen missbrauchen und foltern.

 

Wir fragen nach den Ursachen des Krieges aller gegen alle in Syrien und im Irak, wo die brutalsten Gruppen den größten „Erfolg“ haben. Die erschütterndste Erkenntnis aber ist, dass diese Gruppierungen eine Anziehungskraft auf junge europäische muslimische Burschen und Mädchen haben und diese in einen „Heiligen Krieg“ ziehen wollen, an dem nichts heilig, aber alles grauenhaft ist.  Viele VerfechterInnen des interkulturellen Dialogs müssen scheinbar hilflos zusehen, wie sich überall in Europa ein Klima der diffusen Angst, Abwehr und Aggression verbreitet, das all das, wofür wir als offene demokratische Gesellschaften stehen, einengt und in Frage stellt.

 

Es gilt aber auch jetzt die Großmütter-Weisheit „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben“. Wir können da viel von unseren Projekt-Partnerinnen in Kolumbien, Nicaragua und auf den Philippinen lernen, die sich von ganz anderen Bedrohungen als wir sie erleben, nicht einschüchtern lassen, sondern an dem was für sie für richtig ist, auch in großer Gefahr festhalten.


Wir sind derzeit mehr denn je gefordert, nach dem alten KA-Prinzip „Sehen – Urteilen – Handeln“ die Situation in unserem Land in Europa und weltweit zu betrachten.


Wenn wir also genau hinschauen, was derzeit unsere Gesellschaft in Aufruhr bringt, so sind es die Angst vor dem Islamismus und Muslimen im Allgemeinen  auf der einen Seite und die Angst vor den „Rettern des Abendlandes“ – z.B. Pegida auf der anderen Seite. In diesem Klima der Angst wird auf beiden Seiten wenig differenziert und reflektiert.


Eine Beurteilung dieser Phänomene könnte zu dem Schluss kommen: Die überwiegende Mehrheit der MuslimInnen überall auf der Welt wollen genauso wie Menschen anderer Religionsbekenntnisse und Menschen ohne Religionsbekenntnis ein gutes Leben für sich und ihre Familien. Überall dort, wo die Lebensbedingungen für Menschen prekär sind und grundlegende Rechte vorenthalten werden, wo die Integration in das Umfeld nicht gelingt, besteht die Gefahr der Radikalisierung und der Suche nach Sündenböcken und einfachen Lösungen vielschichtiger Probleme. Kinder, die in einem radikalisierten, von Kriegen zerstörten Umfeld aufwachsen, sind leichte Beute von „Gotteskriegern“. Aber auch junge Menschen, die sich in einer wohlhabenden Gesellschaft ausgeschlossen und  benachteiligt fühlen, erliegen leicht den Versprechen eines „Kalifats“, in dem sie das Sagen und die Macht haben würden.   


Auf der anderen Seite gerät eine zerbröselnde europäische Mittelschicht mit ihren Abstiegsängsten nur allzu leicht in die Fänge von Demagogen, die an  Ausländern, Muslimen und Politikern insgesamt den Zerfall des „Christlichen Abendlands“ festmachen wollen.  Dieses Schwarz-Weiß Denken und die Suche nach einfachen Lösungen in einer so heterogen gewordenen Welt unterscheidet sich was Gewaltbereitschaft betrifft zwar deutlich von den Kämpfern des Islamischen Staats, aber auch diese verunsicherten Bürgerinnen und Bürger wollen eine Gesellschaftsordnung, die in der vielfältigen Welt von heute nicht mehr lebbar ist.


Wie kann das Handeln von uns Frauen der Katholischen Frauenbewegung in einem solchen Umfeld aussehen? Wenn wir ehrlich sind und die Situation nüchtern betrachten, liegt es nahe, dass die meisten Muslime nicht Teil des Problems islamistischer Terror sind, sondern dass sie Teil der Lösung sein müssen. Möglicherweise sind unsere Verbündeten die muslimischen Frauen in unserem Land. Da gibt es viele gemeinsame Interessen. Wir sollten einen institutionalisierten Dialog aufbauen, über die Ökumene hinaus mit muslimischen, jüdischen und allen friedliebenden Frauen. Vielleicht gelingt es uns, eine gemeinsame  Frauen – Friedensbewegung ins Leben zu rufen.

Traude
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