Traude Novy

09. Okt 2014

Kirchen – Orte der Solidarität?

von Traude Novy am 09. Oktober 2014, 07:38 Uhr

Vor einigen Tagen hatte ich unsere Pfarrjugend-Gruppe der 50er Jahre zu Gast. Wir sind gemeinsam alt geworden und es ist schön einander über so lange Zeit verbunden zu bleiben. Aber dennoch: nach kürzester Zeit landete das Gespräch bei Schulen, in denen nur mehr Ausländer-Kinder sitzen, bei Gegenden in Wien, wo man kein deutsches Wort mehr hört und insgesamt bei ziemlich viel Gehässigkeit gegenüber Flüchtlingen und Zuwanderern.

Dabei leben wir alle in gesicherten finanziellen Verhältnissen und niemand von uns hätte sich in den 50er Jahren träumen lassen, wie luxuriös sich unser Leben abspielen würde. Ich hätte zwischendurch oft gerne die Frage gestellt, was wir in den mehr als 70 Jahren, die wir nun alle in der Kirche beheimatet sind, an christlicher Solidarität mitbekommen haben und was wir so jeden Sonntag beim Gottesdienst beten.

Ich bekam nämlich den Eindruck, als würden sich die einzelnen Personen nur in ihren Vorurteilen und beschränkten Wahrnehmungen bestätigen wollen und wären an dem was sich rund um sie und in der Welt abspielt, nicht wirklich interessiert. Ich will nicht von einer Begebenheit auf allgemeines Verhalten schließen, aber die Frage taucht schon auf: Sind unsere Pfarrgemeinden tatsächliche Orte der Solidarität, oder vor allem bürgerliche Gemeinschaften in denen wir uns wohlfühlen und erbauen und vor allem unter uns bleiben wollen?

Lange auf der Welt zu sein, hat den Vorteil, Vergleiche anstellen zu können. Ich erinnere mich noch daran, welch ungeheure Welle der Solidarität 1956 die Flüchtlinge aus Ungarn ausgelöst haben. Ich war noch sehr jung, aber die Hilfsbereitschaft, die damals herrschte, ist mir unvergesslich. Alle wollten helfen und an erster Stelle die Pfarrgemeinden. Dabei war Österreich damals auch noch ein ziemlich armes Land.

Als dann im Jahr 1968 der Prager Frühling grausam beendet wurde, gab es schon Vorbehalte, aber dennoch wurden die Menschen aus der Tschechoslowakei wohlwollend aufgenommen – schon allein weil viele der Flüchtenden auch noch verwandtschaftliche Beziehungen nach Österreich hatten.

Im Zuge der Kriege am Balkan, wurde die Lage aber schon schwieriger. Damals war ich Funktionärin der Katholischen Frauenbewegung und ich erinnere mich noch genau, wie unsere Diözesansekretärin die Pfarren durchtelefonierte, damit sie Quartiere für die Flüchtlinge bereitstellen.

Es gelang fast ein Wunder, denn viele Pfarren wurden zur vorübergehenden Heimat für traumatisierte Flüchtlinge. Es war eine schwierige Schule in Toleranz und Großzügigkeit für viele Christinnen und Christen. Aber es war auch eine Bereicherung und viele Beziehungen aus dieser Zeit halten bis heute.

Die derzeitige Krisensituation im Irak, in Syrien und in vielen afrikanischen Ländern ist ungleich dramatischer als alles was wir seit dem zweiten Weltkrieg erlebt haben und dennoch herrscht in ganz Europa eine Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen. Wir sehen im Fernsehen täglich die Bilder von Frauen und Kindern, die nichts als ihr Leben über die Grenzen retten konnten und sind erschüttert. Wir wissen mittlerweile, dass unser Urlaubsmeer zum Grab für tausende flüchtende Menschen geworden ist.

Die Betroffenheit ist groß, aber wo bleiben die Stimmen von Christinnen und Christen, die eine menschenwürdige Asylpolitik in ihrer Gemeinde, ihrem Land und in Europa einfordern? Die BürgermeisterInnen fürchten sich vor den Folgen für die nächste Wahl, wenn sie in ihren Gemeinden Häuser für Flüchtlinge zur Verfügung stellen, die Landeshäuptlinge üben sich in Abwehr gegen einen größeren Anteil an Unterkünften.

Da wäre die Stimme der Pfarrgemeinden, Priester und Bischöfe dringend gefragt, als Anwälte für jene zu fungieren, die keine Stimme haben. Die Option für die Armen und die Option für die Anderen ist es, woran man Christinnen und Christen erkennen sollte. Pfarrgemeinden sind noch immer jene Orte von denen Impulse für eine Veränderung der öffentlichen Meinung ausgehen könnten.

Ich will ja gar nicht so weit gehen, dass die Pfarren wieder ihre Türen für Flüchtlinge öffnen, es würde schon genügen, wenn die Ortskirchen sich für die Aufnahme von Flüchtlingen in ihren Gemeinden stark machen und meinungsbildend für eine menschenwürdige Asylpolitik auftreten.

Ich denke, in Zeiten wie diesen steht unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Jeder feierliche Gottesdienst und jedes kirchliche Fest wird zur Farce, wenn wir uns gegenüber jenen verschließen, die unserer Hilfe am dringendsten bedürfen.

Traude
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