Traude Novy

23. Jan 2020

Was unterscheidet die 20er Jahre heute von denen vor 100 Jahren?

von Traude Novy am 23. January 2020, 15:30 Uhr

Eingedenk dessen, dass die Kirche und mit ihr auch viele Christinnen und Christen vor 100 Jahren auf der falschen Seite, nämlich jener, der Zukunftsverweigerer und Privilegienbewahrer gestanden sind, sollten wir uns eindringlich fragen, wo heute unser Platz in der Gesellschaft ist und wie wir zu einem besseren Miteinander beitragen können.

Jetzt haben sie also begonnen, die Jahre, die im letzten Jahrhundert als „die wilden 20er Jahre“ in die Geschichte eingegangen sind.

 

Damals waren es in unserem Land Jahre der Armut und der Not nach dem verlorenen Krieg und dem verlorenen Weltreich. Es waren aber auch Jahre der Befreiung von hohl gewordenen Traditionen und Normen. Frauen befreiten sich vom Korsett und den langen Zöpfen – zumindest in den Städten.

 

Wien spielte in dieser Zeit eine besondere Rolle. Arbeiter und Arbeiterinnen nahmen unterstützt von Künstlern, Wissenschaftlern, Architektinnen und gestärkt durch eine neue Politikergeneration ihr Leben in die Hand und kämpften gegen ihre elenden Lebensbedingungen. In Wien wurden zu dieser Zeit mehr Sozialwohnungen, Schulen, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen für die arme Bevölkerung gebaut, wie nie zuvor und auch nachher nicht mehr. Unser Stadtbild ist weitgehend geprägt von den Wohnhausanlagen aus dieser Zeit.


Aber wo stand die Kirche damals?

 

Leider nicht dort, wo eigentlich ihr logischer Platz gewesen wäre, nämlich auf Seiten der Armen und Benachteiligten – nein, sie war leider die Kirche des Bürgertums und der wohlhabenden Bauern, die sich von den aufbegehrenden Besitzlosen bedroht fühlten.

 

Der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass es in den neuen sozialen Bewegungen einen rabiaten Antiklerikalismus gab, der vielen Christen und Christinnen damals Angst machte. Diese Feindschaft gegenüber der Kirche kann man allerdings auch ein wenig verstehen, wenn man bedenkt, wie sehr die Armen in den Städten, aber auch am Land  von der Kirche im Stich gelassen worden waren. Für sie blieben nur Almosen, auf die man sich von Seiten der Kirche auch noch was einbildete. Die  Forderung „Du sollst nicht aus Barmherzigkeit tun, was der Gerechtigkeit geschuldet ist“, blieb unbeachtet.


Von diesem Aderlass hat sich die Kirche nie mehr erholt. Auch wenn in den Jahren ab 1934 eine katholische Diktatur noch einmal ihre Macht zeigen wollte, die Entfremdung vieler Teile der Bevölkerung war nicht mehr aufzuhalten.


Es gab allerdings Ende der 1960er Jahre ein kleines Zeitfenster, wo es hätte ganz anders werden können. Das Konzil hat die Kirchentore weit geöffnet, es wehte ein frischer Wind – die Kirche war auf einmal für junge, unkonventionelle und sozial engagierte Menschen interessant. Die Wiener Diözesansynode 1969 legte ein deutliches Zeugnis dafür ab, was alles möglich gewesen wäre – wenn nicht die Kräfte der Beharrung sehr schnell wieder das Ruder herumgerissen hätten.


Aus der Geschichte lernen?

 

So sind wir nun wieder in den 20er Jahren angekommen – gibt es für uns
Christinnen und Christen eine Lehre aus den vergangenen 100 Jahren? Die 20er Jahre des 21 Jahrhunderts beginnen mit völlig anderen Voraussetzungen als die Jahre nach dem 1. Weltkrieg. Die Nachfahren der in unvorstellbarem Elend lebenden Ziegelarbeiter von Anfang des 20. Jahrhunderts sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Kinder der Mägde und Knechte auf den Bauernhöfen sind in die Städte gewandert und haben sich dort etabliert.


Leider haben die meisten von ihnen vergessen, wem und welcher Geisteshaltung sie diesen Fortschritt verdankten. Es waren die Sozialdemokraten und die Haltung der Solidarität, die diesen gesellschaftlichen Wandel ermöglichten. Aber auch viele in der Führung der Sozialdemokratie sind den Verlockungen des Tanzes um das goldene Kalb erlegen und haben ihre Ideale verraten.

 

Das Interesse der angestammten Wähler der Sozialdemokratie, vorwiegend  gesellschaftliche Aufsteiger, beschränkt sich heute zumeist auf ihr individuelles national geprägtes Wohlbefinden. Die Verantwortlichen in der Partei stehen hilflos vor der Aufgabe, diese biedermeierliche Haltung mit einem der sozialistischen Tradition entsprechenden internationalen Solidaritätsverständnis in Einklang zu bringen. Das ginge leichter, wenn nicht manche Errungenschaften des Sozialstaats von bürgerlicher Seite zur Diskussion gestellt worden wären und auch die Vertreterinnen und Vertreter der Sozialdemokratie den Verlockungen des Neoliberalismus kaum widerstehen konnten.


Durch diese Politik werden derzeit viele, die sich in der Mitte der Gesellschaft angekommen wähnten, von berechtigten Abstiegsängsten geplagt. Aber sie erkennen nicht mehr, mit wem sie sich aus ureigenstem Interesse solidarisieren sollten. Statt sich an die Seite jener zu stellen, die noch mehr darunter leiden, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, verbünden sie sich mit den bürgerlichen Eliten, die mit dem Sozialstaat wenig am Hut haben. Da aber irgend jemand schuld sein muss, dass ihre Lebenssituation immer unsicherer wird, haben sie die Migranten als Sündenböcke ausfindig gemacht.


Eine Kirche des Bürgertums und der Bauern

 

Ich will die Verdienste des Bürgertums nicht schmälern, deren Vertreter haben im 19. Jahrhundert der Feudalherrschaft die individuellen Freiheitsrechte, abgerungen.  Das entspricht auch dem christlichen Selbstverständnis. Deshalb ist unsere Kirche auch heute großteils eine bürgerliche Gemeinschaft, mit allen Vor- und Nachteilen. Almosen geben liegt uns auch heute näher als für Gerechtigkeit mit den Benachteiligten einzutreten.


Daraus ergibt sich ein Zirkelschluss zu den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts und der Rolle, die die Kirche damals gespielt hat – und heute nicht mehr spielen sollte. Die Ausgegrenzten und Benachteiligten sind heute wie damals Zuwandernde. Waren es damals die armen Menschen aus den „Kronländern“ und den Dörfern, so sind es heute dank der Globalisierung Menschen von weiter her, die bei uns Schutz vor Krieg und Elend suchen.


Der Riss durch die Gesellschaft

 

Auch wenn die Lebensbedingungen in unserem Land für die meisten Menschen gegenüber den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ungleich besser sind, so geht ebenso wie damals ein zunehmend breiter werdender Riss durch unsere Gesellschaft. Die Mehrheit ist für eine harte Politik gegenüber Zuwanderern und eine weiche Politik gegenüber der Auto- und Vermögenslobby.

 

Ein junger Politiker mit enormem Zulauf auch von Christinnen und Christen stellt den Schutz von Grenzen über den Schutz von Menschen, er rühmt sich, eine Politik mit Hausverstand zu machen und verkennt dabei, dass gerade dieses Verleugnen der Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels von mangelndem Hausverstand zeugt. Er erhält Applaus vor allem von jenen, deren Vorfahren vor drei Generationen in genau derselben Lage waren, wie heutige Migranten und Migrantinnen.

 

Es ist eine traurige Tatsache, dass jene die für ein solidarisches Miteinander eintreten und deren Ziel ein gutes Leben für alle Menschen ist, derzeit in unserem Land leider in der Minderheit sind.


Aufgabe einer verantwortungsbewussten Politik wäre es, dieses Kräfteverhältnis zu verändern. Politiker und Politikerinnen haben nicht jenen populistisch nach dem Mund zu reden, die sich der Aufklärung verweigern, sondern alles zu tun, damit mündige Bürgerinnen und Bürger vernünftige Zukunftsentscheidungen mittragen. Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.


Der Platz der Kirche

 

Eingedenk dessen, dass die Kirche und mit ihr auch viele Christinnen und Christen vor 100 Jahren (und auch davor und danach) auf der falschen Seite, nämlich jener, der Zukunftsverweigerer und Privilegienbewahrer gestanden sind, sollten wir uns eindringlich fragen, wo heute unser Platz in der Gesellschaft ist und wie wir zu einem besseren Miteinander beitragen können.

 

Viele Christinnen und Christen begrüßen die neue Regierungskonstellation in unserem Land, weil damit dort wieder mehr Anstand einziehen könnte. Das braucht aber eine Bereitschaft zu Fairness und Kompromissen, auch der Mächtigeren. Machtspielchen, die den Regierungspartner über den Tisch ziehen wollen, sind eines verantwortungsbewussten Politikers unwürdig. Da sollten wir Christinnen und Christen dagegenhalten, gerade wenn solche Machtdemonstrationen aus den Reihen unserer Gesinnungsgemeinschaft kommen.


Unsere Geschichte lehrt uns, dass unser Platz bei den Schwächeren in der Gesellschaft zu sein hat, damit Christinnen und Christen in 100 Jahren nicht wieder das Versagen ihrer Glaubensgemeinschaft beklagen müssen.

 

Es liegt auch in unserer Verantwortung, der weit verbreiteten Verrohung der Sprache und des Handelns Einhalt zu gebieten und dafür einzutreten, dass sich eine Mehrheit in unserem Land für das Gute Leben – christlich ausgedrückt „Die Fülle des Lebens“ – aller Menschen stark macht. Unser Glaube verpflichtet uns, von unseren politischen Vertreterinnen und Vertretern eine sozial gerechte, die Schwachen schützende, die Schöpfung behütende Politik einzufordern.

 

comments powered by Disqus
Traude
Novy
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 31 01 02
03 04 05 06 07 08 09
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 01
© 2020 | Impressum | Intern
Darstellung: