Traude Novy

18. Dec 2019

Advent

von Traude Novy am 18. December 2019, 08:33 Uhr

Dass der Advent die „stillste Zeit im Jahr“ sei, stimmt ja schon lange nicht mehr.

Dennoch erinnere ich mich an die Zeit als meine Kinder klein waren und wir die täglichen Rituale von Singen unter dem Adventkranz vorm schlafen gehen und täglichem Öffnen der Fenster des Adventkalenders strikte einhielten und allein dadurch etwas Ruhe ins Getriebe kam. Ich sehe mich auch noch durch unberührten Schnee frühmorgens in die Rorate stapfen – was sicher nicht allzuoft der Fall war – aber das bleibt halt hängen. Eines aber ist sicher: der Wahnsinn des Konsumismus war vor vierzig Jahren noch nicht so ausgeprägt. Neulich sagte ein älterer Herr angesichts der endlosen Schlange vor einer Elektronik-Markt-Kassa, so etwas hätte er das letzte Mal im Jahr 1945 erlebt, als sich die Menschen um Brot anstellten. Muss man erst so alt werden wie ich, um festzustellen, was man alles nicht braucht und wie entlastend das sein kann? Ich habe große Lust viel Sand ins Getriebe dieser Zeit zu streuen, dass es nur so knirscht. Aber das hat ja ein Funkenflug auf den U1 Gleisen für mich übernommen – sie fährt eine ganze Woche nicht ins Zentrum der Stadt und das geht sichtlich auch.

 

Der Advent lädt zu Zeitreisen ein, zur Vergegenwärtigung von längst Vergangenem, daraus schöpfen wir unsere Kraft. Die prophetischen Texte, die wir da täglich hören, das Magnifikat, sind Rückgriffe auf widerständige Menschheitserfahrungen, die uns Mut machen, immer wieder aufs Neue für eine bessere Welt zu kämpfen.

 

Da passt es ganz gut, dass ich vor kurzem gebeten wurde, über die Wiener Diözesansynode, die vor 50 Jahren begann, einen Beitrag zu schreiben. Bei der Gelegenheit holte ich das kleine, in grünes Plastik gebundene Büchlein wieder hervor, das aus gutem Grund einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal hat. Dieses „Handbuch der Wiener Diözesansynode 1969 – 1971 über das Leben und Wirken der Kirche von Wien“ wurde als Abschlussdokument eines ziemlich einmaligen Ereignisses gedruckt. Es fasst die Ergebnisse des synodalen Vorgangs zusammen, dem sich die Mitglieder der Kirche von Wien zwei Jahre lang gewidmet hatten.

Ich war zur Zeit des Konzils noch sehr jung. Die darauf folgende Diözesansynode habe ich als junge Mutter, die wenig Zeit für außerfamiliäre Aktivitäten hatte, aber sehr interessiert verfolgt. Sie war Thema in den diversen Runden und Gruppierungen – es war eindeutig ein basisdemokratischer Vorgang und ich staune heute noch über den Elan und die Vorhaben der daran Beteiligten.

 

Kardinal König schrieb in seinem Vorwort: „Wir haben in der Synode unseren Blick nach vorne gerichtet, nach dem Morgen unserer Kirche. Wir haben aber dabei nicht vergessen, dass wir verwurzelt bleiben in der Überlieferung des Glaubens …..Wir hatten unseren Blick auf das begrenzte Gebiet unserer Diözese gerichtet, ohne dabei die Verbindung mit der Gesamtkirche aus dem Auge zu verlieren ……“  Dieses Handbuch beschreibt eine Kirche, die mitten im Leben und in der Welt steht. Man spürt bei jedem Kapitel eine tiefe und tragfähige Spiritualität, schnörkellos, klar, nüchtern und auf der Höhe der Zeit. Es waren damals Jahre des Aufbruchs in Kirche und Gesellschaft und vieles schien möglich. Wir sprachen von mündigen Bürgerinnen und Bürgern genauso wie von mündigen Katholikinnen und Katholiken. Der gesamte Text atmet einen hoffnungsvollen und reformerischen Geist: „Die Kirche wird auf dem Weg ihrer Pilgerschaft von Christus zu einer andauernden Reform gerufen, deren sie allzeit bedarf, insofern sie eine menschliche und irdische Einrichtung ist. ….sie muss ihre äußere Ordnung den stets geänderten geschichtlichen Verhältnissen anpassen, als auch diese geschichtlichen Verhältnisse schöpferisch mitgestalten.“  Schon im theologischen Grundtext stehen Sätze wie: „So stellen Geschichtlichkeit und Veränderung in dieser Kirche keineswegs etwas Vermeidbares dar, denn was menschlich ist, hat Geschichte ….“

 

Was ich noch wesentlich finde, ist der weltkirchliche, universalistische Anspruch. Dem Thema Entwicklungshilfe wird viel Raum gegeben. Als Mitglied der Katholischen Frauenbewegung, die Trägerin einer der größten entwicklungspolitischen Aktionen Österreichs ist, muss ich derzeit erleben, dass dieses Thema in der heutigen Kirche von Wien kaum beachtet wird.

 

Dabei stehen im Text des Handbuchs so revolutionäre Sätze wie:

„Die Anliegen der internationalen sozialen Gerechtigkeit und Entwicklungsförderung sind dem Lehrplan des Religionsunterrichts, der katechetischen Ausbildung, der theologischen Kurse und der Priesterbildung verpflichtend einzugliedern…..  Entwicklungshilfe soll immer wiederkehrender und wichtiger Bestandteil der Verkündigung sein….Die Diözese stellt aus ihren Einnahmen entsprechende Mittel für Entwicklungshilfe zur Verfügung …. Die Katholiken werden aufgefordert mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln auf die zuständigen öffentlichen Stellen einzuwirken, damit die Verpflichtung 1 % des Bruttonationaleinkommens für Zwecke der Entwicklungshilfe aufzuwenden, von Österreich erfüllt werden …..

Die Bedeutung des Afro-Asiatischen Instituts für den interreligiösen und- interkulturellen Dialog wurde mehrmals hervorgehoben. Es ist beinahe tragisch, dass dieses Institut in Zeiten, wo man diesen Dialog mehr denn je brauchen würde, von den Verantwortlichen der Erzdiözese Wien geschlossen wurde.

 

Im Kapitel über die Frau in Kirche und Gesellschaft werden beinahe revolutionäre Aussagen getroffen:

„Die Kirche soll eine Gemeinschaft sein, in der die grundsätzliche Gleichheit aller Gläubigen ohne Diskriminierung der Frau gelebt und für die Welt sichtbar gemacht wird. Frauen sollen sich  in Hinkunft – weder rechtlich noch praktisch behindert – ihren Fähigkeiten und ihrer Ausbildung voll entsprechend in den Dienst der Kirche stellen können.

Dieses Kapitel ist durchzogen von einem Geist der Partnerschaft zwischen Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft. Es wird eine Familienrechtsreform gefordert, die die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen beseitigen sollte.

 

Dem Geist der damaligen Zeit ist es geschuldet, dass das Bild der Frau als für Haushalt und Kinder vorrangig verantwortlich, nicht angetastet wird und die Suche nach lebbaren Modellen für berufstätige Frauen die partnerschaftliche Teilung dieser Arbeiten kaum anspricht.

Gleichzeitig wird jedoch gefordert, die oft isolierende Kleinfamilienstruktur aufzubrechen und größere Gemeinschaften zu bilden, die einander das Leben zu erleichtern und Zeit für gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu ermöglichen.

 

Die Wiener Diözesansynode hat vieles angeregt und gesellschaftliche Entwicklungen vorangetrieben. In Zeiten des globalen  Backlash, der derzeit überall zu spüren ist, bräuchte es heute eine Auseinandersetzung mit den Themen, die dort ohne Scheuklappen angesprochen wurden, um die Kirche wieder als gestaltende Kraft wahrnehmen zu können. Manches wurde zwar erreicht, aber in den meisten Bereichen muten uns die Vorhaben der Diözesansynode nahezu utopisch an. Seit damals ist von der Volkskirche nicht mehr sehr viel übrig geblieben, die Aufbruchsstimmung wurde von klerikaler Ängstlichkeit massiv gebremst. Dennoch erwarten sich nach wie vor viele Menschen in unserem Land von uns KatholikInnen ein ethisches Korrektiv in Zeiten zunehmender Verrohung.  Den Zukunftsvisionen der Wiener Diözesansynode wieder Raum zu geben, würde der Kirche und den Menschen in unserem Land sehr gut tun.

 

Es wäre eine adventliche und prophetische Aufgabe, einen ähnlichen Prozess der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Zeit für Kirche und Gesellschaft anzuregen. Ein solcher Prozess müsste der Pluralität unserer Gesellschaft Rechnung tragen und viele miteinbeziehen, die derzeit am Rande stehen. Die drohende Spaltung in Kirche und Gesellschaft würde dringend nach einer solchen Initiative verlangen.  Statt den Niedergang zu bejammern, wäre es doch eine lustvolle Sache, den synodalen Vorgang nach 50 Jahren wieder zu beleben und sich das Handbuch von 1969 als Grundlage zu nehmen.

Man wird sich doch zu Weihnachten noch was wünschen dürfen!

Traude
Novy
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