Traude Novy

08. Nov 2019

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

von Traude Novy am 08. November 2019, 10:10 Uhr

Eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes hat sich bei den Nationalratswahlen für einen rechten politischen Kurs entschieden. Was heißt das für die zukünftige Politik?

Denn auch wenn immer wieder gesagt wird, dass die politischen Kategorien rechts und links überholt seien, so drücken  diese Bezeichnungen doch Vorstellungen darüber aus, wie unser Gemeinwesen grundsätzlich gestaltet werden soll.

 

Es ist unbestritten, dass eine rechte Politik für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, also für die Betonung des Menschen als unabhängiges Individuum steht. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber Zeiten in denen der oder die Einzelne nichts galt und das Volk als Masse wahrgenommen wurde. Daraus ergibt sich aber auch, dass ein wichtiges Kennzeichen rechter Lebensentwürfe ein tiefgehendes Konkurrenzverhalten von der Schule bis zur Gestaltung der Berufs- und Lebenswelt ist und dass Eigennutz ein zentrales Entscheidungskriterium ist.

Weiters geht ein rechtes Menschen- und Gesellschaftsbild von der Ungleichwertigkeit der Menschen aus. Es wird unterschieden zwischen Inländern und Ausländern, zwischen Europäern und Nicht-Europäern, zwischen „jenen, die in der Früh aufstehen und jenen, die es nicht tun“.

 

Rechte Gesellschaftsgestalter vergessen meistens, dass es nicht jedem Menschen gegönnt ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und dass es allen Menschen nur eine kurze Zeit ihres Lebens überhaupt möglich ist, eigenverantwortlich zu handeln. Kinder, alte Menschen, Menschen in Krisensituationen, Menschen mit verschiedensten Behinderungen können ohne die Hilfe und Fürsorge Anderer nicht leben. Im rechten politischen Spektrum werden solche Lebenslagen als Ausnahmen gewertet, die am besten individuell von den kleinsten Einheiten – also vorwiegend von den Frauen – zu lösen sind. Es wird oft vergessen, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist. Sogar Spitzensportler, die Ikonen des Individualismus,  brauchen um ihren außergewöhnlichen Talenten zum Durchbruch zu verhelfen, von Anbeginn an die Einbettung in ein wertschätzendes, förderndes und stärkendes Umfeld und könnten ihre Leistungen ohne sorgende Bezugspersonen und ein hoch qualifiziertes Betreuerteam nicht erbringen.

 

Linke Gesellschaftsentwürfe gehen von der Gleichwertigkeit aller Menschen aus, wobei allerdings die individuelle Verschiedenheit gesehen werden muss, um nicht in einfältige Gleichmacherei zu verfallen. Kooperation und nicht Konkurrenz sind die treibenden Kräfte eines linken Gesellschaftsbilds. Solidarität mit den Benachteiligten ist ein zentraler Angelpunkt. Es wird im linken Spektrum allerdings oft vergessen, dass nur gefestigte Individuen auch solidarisch sein können.  Der Raum für außergewöhnliche Lebensentwürfe muss in jeder Gesellschaft vorhanden sein.

 

Rechte und linke Vertreter und Vertreterinnen ihrer jeweiligen Ideen haben auch einen sehr unterschiedlichen Gerechtigkeitsbegriff. Im rechten Spektrum geht man davon aus, dass „Leistung sich lohnen muss“ – Leistung wird in diesem Denkmodell einfältig als das gesehen, was sich am Markt rechnet. Die Leistungen im Sozialbereich werden eher als Belastung für das Budget wahrgenommen und die unbezahlte Arbeit fällt sowieso unter den Tisch. Sozialleistungen sollen nur jene bekommen, „die ins System eigezahlt haben“.  Linke Vorstellungen haben da mehr die soziale Gerechtigkeit im Blick, indem jedem Menschen das Recht auf ein Leben in Würde zugestanden wird. Das bedeutet, dass Umverteilung als ein wichtiger Beitrag zur Erreichung von mehr Gerechtigkeit gesehen wird.

 

Am Eigentumsbegriff scheiden sich ebenfalls rechte und linke Geister. Während für Rechte das Eigentum als unantastbar gilt und extrem emotional aufgeladen ist, gibt es bei den Linken ein breites Spektrum vom Umgang mit Eigentum. Das reicht von der Einsicht, dass Eigentum auch immer sozialpflichtig sein muss, bis hin zu Enteignungen bei besonders krassen Formen der Anhäufung von Besitz.

 

Es ist in der Sozialwissenschaft ziemlich unumstritten, dass Gesellschaften umso friedlicher sind, je weniger Unterschiede es bei Einkommen und Vermögen gibt und ein Blick auf die derzeitigen sozialen Unruhen von Frankreich bis Chile bestätigt diese Theorie.  Das würde eher für ein linkes Gesellschaftsmodell sprechen.

 

Gerechtigkeit für benachteiligte Kinder aus bildungsfernen Schichten hieße danach, dass besonders viele Mittel in die sogenannten „Brennpunkt-Schulen“ fließen müssten, um das Startdefizit dieser Kinder ausgleichen zu können.  Es erscheint mir verwunderlich, dass jene Menschen, die immer Angst vor der „Gleichmacherei“ haben, in diesem Fall Ungleiches gleich behandeln wollen. Wenn ich Kindern mit schwierigen Startbedingungen die gleichen Bildungsmöglichkeiten anbiete wie Kindern aus Mittelschichts-Familien, so werden diese ihren Startnachteil nie aufholen können. Das ist schlecht für die Kinder und deren Familien, aber auch schlecht für die Gesellschaft insgesamt, weil ihr dadurch mögliches Potential verloren geht.

 

Gerechtigkeit für Menschen mit traumatisierenden Fluchterfahrungen hieße, ihnen jede nur erdenkliche Integrationsmaßnahme zukommen zu lassen, damit sie sich positiv in unsere Gesellschaft einbringen können. Das würde uns allen guttun. Um nicht dem Vorwurf der Blauäugigkeit ausgesetzt zu sein – natürlich gibt es große Probleme mit der Integration von Migrantinnen und Flüchtlingen – aber sie an den Rand und aus der sozialen Absicherung hinauszudrängen, verschlimmert die Situation nur. Nebenbei – es gibt auch wunderbare Integrationsgeschichten, die viel mehr erzählt werden müssten.

 

Meiner Meinung nach, ist auch für uns Christinnen und Christinnen ein linkes Gesellschaftsmodell viel näher an unseren Grundwerten, als ein Rechtes – dennoch bin ich davon überzeugt, dass eine große Mehrzahl von uns sich bei der Nationalratswahl für rechte Parteien entschieden hat. Was macht eine Theorie der Ungleichheit  so anziehend für Menschen, deren religiöser Grundpfeiler die Parteinahme für die Benachteiligten ist?

 

Ein Grund könnte sein, dass wir uns zumeist als die Fleißigen und Anständigen fühlen, die für ihre Arbeit auch belohnt werden wollen. Weiters gibt es bei uns Christinnen und Christen eine lange Tradition an individuellem Engagement für Arme und Benachteiligte und daraus resultierend oft auch eine Skepsis gegenüber dem als bürokratisch empfundenen Sozialstaat. Dabei wird oft übersehen, dass für uns Christen gilt: „Du sollst nicht aus Barmherzigkeit tun, was der Gerechtigkeit geschuldet ist.“ Das Recht auf ein menschenwürdiges Leben können wir nicht durch Werke der Barmherzigkeit ermöglichen, sondern nur durch staatliche Maßnahmen zum Schutz vor existentiellen Krisen.

 

Wenn wir Christinnen und Christen es also ernst damit meinen, Sauerteig der Gesellschaft sein zu wollen, dann müssten sich unsere Pfarrgemeinden viel mehr damit auseinandersetzen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Wir sollten alt eingesessene Denkmodelle hinterfragen und verschiedene Gesellschaftsentwürfe aufrichtig miteinander diskutieren. Wenn wir danach ins politische Handeln kommen, könnte das dann allerdings ziemlich gesellschaftsverändernd sein.

Traude
Novy
© 2019 | Impressum | Intern
Darstellung: