Traude Novy

21. May 2019

Böse Menschen haben keine Lieder?

von Traude Novy am 21. May 2019, 16:51 Uhr

Das war wieder einer dieser Momente in denen ich so glücklich bin, in Wien leben zu dürfen - die Wiener Festwocheneröffnung 2019.

Dieser Abend am Rathausplatz  war eine solche Bündelung von Lebensfreude – ein echte Mutmacherveranstaltung in Zeiten der Resignation. Vom Besingen des Tröpferlbads bis zur impulsiven Rapperin gab es alle Abstufungen dessen, was Musik an Lebenslust, Widerstandskraft, Weltoffenheit und Gemeinschaftserlebnis bieten kann. Als dann am Schluss auch noch „Bella Ciao“ in allen möglichen Varianten von Allen, auch von den Tausenden am Rathausplatz gesungen wurde, ging mir endgültig das Herz auf.

 

Das Besondere an dieser heurigen Festwocheneröffnung war, dass anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht es vor allem Künstlerinnen waren, die diesen Abend bestritten. Die Lust sich daran zu beteiligen war aber den wenigen Männern deutlich anzumerken – so kann eine feministische Manifestation aussehen – hat da irgendjemand Angst vor dem „Genderwahnsinn“ bekommen?

 

Man könnte also nach diesem Abend bestätigen: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, wäre da nicht auch noch ganz etwas anderes, was Musik auch kann. Ich will da gar nicht an „Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen“ denken, es genügt mir der Zuspruch, den ein „Volks-Rock’n Roller erhält, wenn er das „Scheitelknien“, den Hergottswinkel und „die Mandeln und Weiberln“ besingt und in seinen Wortmeldungen dazwischen auf alles hetzt, was nicht seinem dumpf-reaktionären Weltbild entspricht.

 

Ja, Musik kann alles – angeblich waren ja viele KZ-Schergen begeisterte Opern- und Konzertbesucher, das hat sie nicht am Massenmord gehindert. Aber was macht den Unterschied, ob Musik Lebenslust vermittelt und dazu motiviert, mutig, widerständig und solidarisch zu sein, oder ob sie uns in unserer Angepasstheit und Passivität bestätigt, Vorurteile bedient und eine hilf- und heillose Aggressivität wachruft?

 

Über die Wirkung von „anspruchsvoller“ Musik der großen Komponisten kann ich nichts sagen. Damit beschäftigen sich Berufenere. Ich rede nur von der Musik, die uns im Leben begleitet, von den Kinderliedern bis zu den Kirchenliedern und dem, was wir in Radio und Fernsehen zu hören bekommen.

 

Für mich gilt, dass gute Populärmusik menschenfreundlich sein muss, motivierend und kritisch gegenüber den Mächtigen. Das „Lasst’s euch nichts g’fall’n“ mit dem Willi Resetarits seine Zuhörer und Zuhörerinnen verabschiedet, sagt es. Die Grenze zwischen gefühlvoll und sentimental ist fließend und manche haben mehr und manche weniger Sensorium für Echtheit oder Schmalz. Und wer von uns hat noch nie mit Begeisterung einen schmalzigen Schlager geschmettert? Es geht nur um den Geist der dahinter steht. Auch ganz böse Texte und harte Klänge sind für mich okay – aber nur in Richtung der Mächtigen, nie gegen die Schwachen. Mein Anspruch an Musik ist es, die guten Saiten und nicht die menschenverachtenden zum Klingen bringen.

 

Das zeigte sich ganz deutlich, als ich vor ein paar Wochen in mein Auto stieg und aus dem Autoradio das Motivationslied meiner jungen Jahre erklang: „We shall overcome“. Ich drehte das Radio so laut, dass es wahrscheinlich auf die Straße hinaus dröhnte, was ich sonst ja gar nicht mag. In dieser Radiosendung, die dem Musiker Woody Guthry gewidmet war, wurde eine Aufnahme dieser Hymne der Friedens- und Antirasissmus-Bewegung vom Publikum mitgesungen und ich war in eine Klangwolke eingehüllt, die die Aufbruchsstimmung jener schlimmen Zeiten in mir lebendig werden ließ. Ja, wir glaubten damals an das „we’ll walk hand in hand“ und „we will live in peace“, wenn auch nicht gleich, so doch eines Tages. Am meisten bewegte mich allerdings die Strophe „we are not afraid“, denn darum geht es ja heute genauso,  wenn nicht mehr als damals –fürchten wir uns nicht!

 

Ich erinnerte mich auch daran, als wir Frauen der Katholischen Frauenbewegung Österreichs in einem indischen Dorf gemeinsam mit Caritas Mitarbeitern, indischen Sozialarbeiterinnen und Dorffrauen dieses Lied – jede in ihrer Muttersprache, sangen – das war für mich ein so lebendiges Beispiel internationaler Solidarität, das mich noch heute trägt.

 

Warum sind wir aber heute im Unterschied zu jenen Jahren der atomaren Aufrüstung, der Rassenkonflikte in den USA, der Apartheit in Südafrika, der Diktaturen in Lateinamerika, als dieses Lied überall auf der Welt gesungen wurde, so viel weniger hoffnungsvoll? Vielleicht singen wir zu wenig miteinander, um uns lustvoll ins Getümmel der Zeit zu werfen? Ich schlage vor, bevor wir neue Friedens- und Solidaritätshymnen haben, singen wir doch öfters gemeinsam „We shall overcome“ und „Bella Ciao“, das Miriamlied und all die halb vergessenen Arbeiterinnenlieder und Gospeln – ich kann nur sagen, das tut unendlich gut und macht Mut.

Traude
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