„Bettlerinnen verdienen Schutz, nicht Verfolgung“

Das Ökumenische Forum Christlicher Frauen in Österreich, ein Zusammenschluss von verschiedenen christlichen Frauenorganisationen, spricht sich gegen die im Wiener Landtag zu beschließende Änderung des Wiener Landessicherheitsgesetzes aus, die nun auch Betteln mit Kindern unter Strafe stellt.

Durch die schon jetzt dehnbare Bestimmung, die „aufdringliches oder aggressives“ Betteln sowie nun auch die Mitnahme von Kindern mit einer Strafe von 700 Euro oder einer Woche Haft bedroht, ist die Gefahr hoch, dass Bettler und Bettlerinnen in ihren Rechten und in ihrer Würde geschädigt werden. Bei bettelnden Menschen wird oft bereits ihre pure Anwesenheit als aufdringlich wahrgenommen, und das, was im Alltag als aggressiv gilt, ist bei Bettlern tatsächlich äußerst selten anzutreffen.

„Bettlerinnen und Bettler sind Menschen, die Not leiden und Hilfe nötig haben, Menschen, die sich der Zuwendung und Menschenfreundlichkeit ihrer besser gestellten Mitmenschen in ganz besonderer Weise aussetzen. Sie verdienen eher Schutz, nicht Verfolgung“, versucht Dr. Veronika Prüller-Jagenteufel, einer der beiden Nationalkoordinatorinnen des Ökumenischen Forums Christlicher Frauen, die übliche Sichtweise von bettelnden Menschen als bösartigen Schmarotzern zurechtzurücken.

„Auch mich berührt es oft unangenehm, mit bettelnden Menschen konfrontiert zu sein“, bekennt die katholische Theologin, „aber ich denke, das hat viel mehr mit mir zu tun als mit den Bettlerinnen und Bettlern – nämlich damit, dass es mir unangenehm ist, mit der bitteren Armut anderer und meinem dagegen relativen Wohlstand konfrontiert zu sein und mich herausgefordert zu fühlen, von Meinem etwas abzugeben.“ Bettlerinnen und Bettler konfrontieren eine Gesellschaft, die das Machen und Können verehrt, damit, dass Menschsein auch Bedürftig-sein bedeutet – eine Seite, die heute gerne ausgeblendet und verdrängt wird.

„Armut stört das Bild, wir wollen sie nicht sehen, nicht wahrhaben; sie ist bedrohlich – und daher müssen Bettlerinnen und Bettler abgeführt werden.“ Die alte christliche Praxis des Almosen-Gebens ist eine positive Alternative dazu: „Es geht schlicht darum, dass wir unsere Geldbörsen öffnen.“

Gewiss sind Hilfsorganisationen und vor allem strukturelle Maßnahmen, die den Menschen an ihren Lebensorten (vornehmlich in Rumänien) helfen, wichtig. Das enthebt aber niemand der humanistischen wie christlichen Verpflichtung, respektvoll und großzügig mit den bettelnden Menschen umzugehen, die uns konkret gegenüber stehen.„Sie haben heute Hunger, und können nicht warten, bis die Maßnahmen irgendwann greifen,“ erinnert Prüller-Jagenteufel an die konkrete Not, die zum Betteln treibt.

Über die bettelnden Menschen in Wien sind viele Mythen und Unwahrheiten im Umlauf. Weder sind sie alle von der Mafia kontrolliert, noch misshandeln sie systematisch ihre Kinder. Tatsächlich gibt es viel zu wenig echtes Interesse an diesen Menschen und wird erst allmählich gesichertes Wissen über sie aufgebaut. Hier bräuchte es mehr Zeit, um genauer hinsehen zu können und aufgrund von gesicherten Tatsachen und nicht bloß von Mythen zu agieren.

Die Schnelligkeit, mit der die Gesetzesvorlage durchgezogen wird, hat wohl mit der EURO 08 zu tun. Wien will sich als „saubere“ Stadt präsentieren. Bettlerinnen und Bettler geraten dabei in Gefahr, als „Schmutz“ gesehen zu werden.

„Aber es handelt sich um Menschen!“, widerspricht die Nationalkoordinatorin des Ökumenischen Forums Christlicher Frauen vehement und hat einen Gegenvorschlag: „Wie wäre es, wenn Wien sich als mitmenschliche und freundliche Stadt präsentieren würde, in der auch arme und bettelnde Menschen einen Platz haben und wo ihre Würde geachtet wird?“